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Ferguson und die Folgen:Wie Smartphones alles verändert haben

Seit Mitte der achtziger Jahre beschäftigt sich David Harris mit Polizeigewalt. Er arbeitete damals als Pflichtverteidiger in Washington D.C. und sah, wie die Polizei während der Crack-Epidemie mit großer Härte gegen Schwarze vorging. Mittlerweile lehrt Harris an der University of Pittsburgh und gilt als einer der besten Polizei-Experten der USA. Der Einfluss der Handy-Videos könne gar nicht überschätzt werden, sagt er: "Jahrzehntelang konnten die Cops den Narrativ eines Vorfalls kontrollieren. Das ist nun vorbei und hat der Glaubwürdigkeit der Polizei geschadet."

Gerade die Videos, die den Umgang der Polizisten mit Eric Garner in New York, Walter Scott in North Charleston und Sarah Bland in Texas dokumentierten, legten auf schmerzhafte Weise offen, dass einzelne Beamte die Wahrheit verdrehten. Die Beschreibungen in ihren Berichten lasen sich ähnlich: "Ich wurde angegriffen, ich fürchtete um mein Leben und deswegen musste ich zur Waffe greifen." Ein Cop, der so argumentiert, hat nach den Urteilen des Supreme Courts nichts zu befürchten.

Polizeigewalt in den USA "Die Cops treten auf wie eine Besatzungsarmee"
Interview
Soziologin über Amerikas Polizei

"Die Cops treten auf wie eine Besatzungsarmee"

Alice Goffman lebte sechs Jahre als Weiße in einem Schwarzen-Viertel in Philadelphia. Dort erlebte sie, wie die Polizei die Menschen täglich drangsaliert. Nun schreibt sie dagegen an - und freut sich auch über Republikaner als Verbündete.   Von Matthias Kolb, Madison/Wisconsin

"Mehr Augen und Ohren" - was Experten empfehlen

David Harris, der Polizeiexperte, zeigt sich beim Interview in Pittsburgh vorsichtig optimistisch. Er findet es ermutigend, dass US-Präsident Barack Obama nun deutlicher Stellung bezieht und offen über "systemisches Versagen" im Verhältnis zwischen Polizei und Bürgern spricht. Harris arbeitet mit der örtlichen Polizei gerade an Regeln für den Einsatz von Körperkameras. Bisher gibt es noch nicht allzu viele Studien, doch die ersten Ergebnisse sind laut Harris positiv: So habe im kalifornischen Rialto nach dem Einsatz von body cameras die Zahl der Beschwerden um knapp 90 Prozent abgenommen.

"Vieles spricht dafür, dass sich nach dem Einsatz dieser Kameras beide Seiten besser benehmen", sagt Harris. Allerdings warnt er vor zu große Erwartungen: Die Obama-Regierung habe zwar 75 Millionen Dollar für den Erwerb von Körperkameras bereitgestellt, doch Washington könne den lokalen Polizeipräsidien nichts vorschreiben. Hier seien auch die Bürger gefragt, dies einzufordern.

Oft nennt Harris zwei scheinbar simple und billige Dinge, die Polizeiarbeit in den USA verändern könnten: Die Beamten müssten die Vergangenheit ihrer Institution kennen. "Die Geschichte der Polizei geht auf die slave patrols zurück, die in Zeiten der Sklaverei Jagd auf Leibeigene machen durften", sagt Harris. Während der Bürgerrechtsbewegung waren es Polizisten, die Schwarze aus Lokalen vertrieben - oder Polizeihunde auf Afroamerikaner hetzten, die für Gleichberechtigung demonstrierten. Harris macht es wütend, dass in Ferguson bellende Polizeihunde eingesetzt wurden: "Dies löst die alten Emotionen aus und festigt Misstrauen."

Die Polizisten müssten sich eingestehen, dass gerade viele Schwarze seit Jahrzehnten Angst vor ihnen hätten und diese Vorbehalte nicht verschwunden seien. Dass ausgerechnet FBI-Chef James Comey offen an diese dunkle Vergangenheit der Sicherheitsbehörden in einer Rede erinnert hat, stimmt Harris positiv.

Wieso Polizisten ihre Autos möglichst oft verlassen sollten

Nur so lasse sich Vertrauen zwischen Bürgern und Beamten aufbauen, sagt Harris: "Jeder Polizist muss wissen, mit wem im Viertel er reden kann. Nur so erfährt er, wo Probleme entstehen könnte." Um Korruption zu bekämpfen, wurde in den siebziger Jahren begonnen, Beamte nicht mehr in ihrer Nachbarschaft einzusetzen ( Details hier). Dies hält auch Harris für einen Fehler: "Die Beamten sollten so oft wie möglich ihre Autos verlassen und mit den Menschen sprechen."

Im Nordwesten von Omaha verfolgt Shayna Ray, die Chefin von Polizist Philip Anson, eine ähnliche Philosophie. "Wir brauchen mehr Augen und Ohren auf den Straßen", sagt Captain Ray. Sie besucht Schulen, Stadtteil-Feste und viele andere Veranstaltungen, um möglichst viele Kontakte aufzubauen. Als "Freund und Helfer", so will sich Omahas Polizei präsentieren.

Ein Mal pro Monat trifft sich Ray mit einer Gruppe von Bürgern, die sowohl als Ansprechpartner als auch als Sensoren dienen sollen. "Wir hoffen sehr, dass bei uns kein solches Unglück wie in Ferguson passiert", sagt einer von ihnen. Eine Garantie, dass eventuelle Proteste nicht in Gewalt münden, gebe es natürlich nicht. Aber schaden wird das bürgernahe Auftreten der Polizei in Omaha sicherlich nicht.