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Feindbilder:Vom Nutzen des Sündenbocks

Die ganze Welt ist in Bewegung. Im Nahost-Konflikt jedoch ändert sich kein Jota. Wie eingefressene Vorstellungen von Freund und Feind einen Konflikt am Leben erhalten.

Von Peter Münch

Es war in biblischen Zeiten, als der Herr zu Mose über die "Gesetze für den großen Versöhnungstag" sprach. Ein Ziegenbock sollte gebracht werden, auf dessen Kopf "alle Verschuldungen der Israeliten und alle ihre Übertretungen übertragen" werden konnten. Das Tier, so heißt es im Buch Leviticus, solle daraufhin "in die Wüste geschickt" werden - schwer beladen mit all den Sünden und weit weg aus dem eigenen Gesichtskreis.

Der Sündenbock war geboren, der seither Karriere gemacht hat in der Welt. Doch so leicht wie damals ließ er sich nie mehr in die Wüste jagen. Er ist heimisch geworden in noch so entlegenen Ecken, er wird gepäppelt und von vielen für vieles benutzt. Der Mensch braucht einen Sündenbock, Staaten brauchen ein Feindbild: Nach diesem Prinzip wird private Schuld delegiert und Politik betrieben - rund um den Globus und phänotypisch bis heute im Heiligen, ewig umkämpften Land.

Eine Hochzeit erlebte das Feindbild zuletzt im Kalten Krieg. Die Ost-West-Konfrontation bot jenseits der realen Bedrohung viel Raum für Schwarz-Weiß-Gemälde und Hollywood-taugliche Geschichten von Gut und Böse. So wurden Fronten verhärtet, Bündnisse gefestigt und Interessen durchgesetzt. Feste Feindbilder haben den Kalten Krieg auf beiden Seiten befeuert. Sie starben aber nicht aus, als der Konflikt zu Ende war.

Denn als der Antagonismus der Blöcke und das Gleichgewicht des Schreckens zusammenbrach, wollte sich kein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit einstellen. Die Welt wurde unübersichtlich, neue Gefahren lauerten. Die Amerikaner wurden geplagt von der Angst vor dem Absturz, Russland quälte der Phantomschmerz nach dem Kollaps des Sowjetreichs. Ronald Reagan hatte die Sowjetunion 1981 als "Reich des Bösen" gebrandmarkt. Daraus wurde 2002 George W. Bushs "Achse des Bösen" mit Nordkorea, Iran und dem Irak. Ein Erzfeind war stets zur Hand: Saddam Hussein, Osama bin Laden oder nun der sogenannte Islamische Staat (IS).

Heute wechseln die Feindbilder schnell, und mit ihnen die Bündnisse, die sie zusammenschweißen. Gegen Sad-dam kämpfte die "Koalition der Willigen" aus westlichen und arabischen Staaten, gegen den IS kämpfen Russen und Amerikaner vermeintlich gemeinsam, tatsächlich oszillieren ihre Loyalitäten auf dem syrischen Schlachtfeld. Die Welt ist in Bewegung - und mit ihr die Feindbilder.

In einer Region jedoch gerät bei aller Veränderung allzu wenig in Bewegung - im Epizentrum des Nahost-Konflikts zwischen Mittelmeer und Jordan. Im ewigen Streit zwischen Israelis und Palästinensern, Juden und Arabern, entfalten dieselben Feindbilder wie ehedem ihre Wirkmacht und verhindern jeden Ausgleich. Interessen mögen sich überschneiden wie jüngst, als arabische Staaten mit Israel im Streit um Irans Atomprogramm an einem Strang zogen. Doch das hat keine Auswirkung auf den Kernkonflikt. Es bleibt dabei: Jede Seite traut der anderen stets das Schlimmste zu.

Der Blick auf Israel hat sich in der arabischen Welt wenig geändert in den vergangenen Jahrzehnten. Zwar haben Ägypten und Jordanien mit dem jüdischen Staat einen kalten Frieden geschlossen. Aber auch in Kairo und Amman sind bei Anti-Israel-Protesten dieselben Slogans zu hören wie in Gaza oder Ramallah. Der Streit ums Land bleibt unterfüttert mit Verschwörungstheorien und Stereotypen des alten Antisemitismus. Sie werden in politischen Hasspredigten ebenso transportiert wie in Schulbüchern. Wenn sich vor den Stränden von Scharm-el-Scheich ein Hai an einem Touristen vergreift, taucht garantiert der Vorwurf auf, das Tier sei vom Mossad geschickt. Der saudische Großmufti Abdul Asis al-Sheikh, oberster Kleriker des Königreichs, sieht in IS-Milizionären verkleidete israelische Soldaten. Und die "Protokolle der Weisen von Zion", das gefälschte Pamphlet zur angeblichen jüdischen Weltverschwörung aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts, wird weiter gern zitiert.

Schon für die Potentaten in arabischen Vorfrühlingszeiten bot das Feindbild Israel eine breite Projektionsfläche, um von eigenen Defiziten abzulenken. Selbst nachdem im Aufruhr das Unterste zuoberst gekehrt wurde, blieb dieses Feindbild bestehen. Der Feind Israel ist ein offenbar unverzichtbarer Kitt, der die Gesellschaft zusammenhalten soll. Hier haben Sunniten und Schiiten ihren gemeinsamen Nenner. Osama bin Laden und der IS-Kalif Abu Bakr al-Bagdadi haben daraus ebenso Nutzen gezogen wie die Ayatollahs in Iran, die seit jeher ihren Weg zur Regional- und potenziellen Atommacht mit Attacken auf den "kleinen Satan" und mit Untergangsprophezeiungen für das "zionistische Gebilde" pflasterten.

Israel also hat reichlich Erfahrung damit, als Feindbild herzuhalten. Anfeindungen und Dämonisierungen begleiten den jüdischen Staat seit der Gründung 1948. Sie werden als reine Fortsetzung empfunden: Jahrhunderte der Verfolgung bis hin zur Katastrophe des Holocaust liegen der Staatsbildung zu Grunde. Anders als der Rest der Welt am Ende des Kalten Krieges hat Israel nie erfahren, wie es sich anfühlt, wenn ein Feindbild zusammenbricht. Volker Rühe konnte damals als Verteidigungsminister verkünden: "Deutschland ist von Freunden umzingelt." Israel war und ist umgeben von Feinden.

Die Wagenburg blieb stets die Formation, mit der sich Israel nach außen präsentiert - und ihr Inneres bietet viel Platz für Feindbilder, die den Nahost-Konflikt unterfüttern, überlagern, perpetuieren. Der Schriftsteller Amos Oz hat diesen Konflikt als tragische Anhäufung solcher Feindbilder beschrieben: "Beide Parteien in diesem Krieg kämpfen nicht eigentlich gegen ihren Feind, ihren wirklichen Gegner, sondern gegen die neurotischen Schatten ihrer Vergangenheit." Für die Araber stünden hinter den Israelis "Franzosen, Engländer, Türken. Alle, die sie während Jahrhunderten unterdrückt, erdrückt haben". Und auf der anderen Seite sähen die Juden "gar keine Araber. Das ist Hitler, das sind die Nazis. Das sind die Russen, die Pogrome, die Ukrainer, die Kosaken".

Angst ist das Futter aller Feindbilder. Wer sie abbauen will, muss die Furcht bekämpfen. In Israel hatte das in den Neunzigerjahren Jitzchak Rabin versucht - in den Friedensverträgen von Oslo mit den Palästinensern. Es gab das Versprechen von "Land gegen Frieden", es gab Wandel durch Annäherung, und es gab Israelis, die zum Hummus-Essen nach Ramallah fuhren. Nach Rabins Ermordung durch die Hand eines jüdischen Extremisten kam die Furcht zurück. Sein Nachfolger Benjamin Netanjahu, der die Politik des Landes nun seit nahezu 20 Jahren prägt, verfolgt den entgegengesetzten Kurs: Seine Politik baut keine Angst ab, vielmehr macht er mit der Angst Politik, er festigt mit den Feindbildern seine Macht.

Netanjahu verdankt jeden Wahlsieg diesem populistischen Prinzip. Im Streit um Irans Atombombe beschwor er den "nuklearen Holocaust"; bei Palästinensern unterscheidet er nicht mehr zwischen den radikalen Kräften der Hamas und dem moderaten Fatah-Präsidenten Mahmud Abbas. So hat er den Friedensprozess beerdigt - und freie Hand für die Siedlungspolitik bekommen, auf deren Fundamenten seine Regierung ruht.

Die Pflege der Feindbilder prägt längst nicht mehr nur die Beziehungen zu den Gegnern jenseits der Grenze, sondern auch zu Kritikern im Innern und Freunden im Äußeren. Israelische Friedens- und Menschenrechtsorganisationen werden gegängelt, zu Verrätern gestempelt, weil sie Geld annehmen zum Beispiel von der Bundesregierung. Die Kennzeichnungspflicht der EU für Siedlerprodukte wird mutwillig zum Boykott gegen Israel umgedeutet. Die EU wird zur Strafe verbannt aus dem ohnehin nicht mehr existenten Friedensprozess. Selbst die Beziehung zur Schutzmacht USA wird zunehmend vergiftet mit einer Politik, die suggerieren soll, dass Israel keine Wahl bleibe, als es notfalls allein mit der ganzen Welt aufzunehmen.

So sind auch in Israel Feindbilder zur treibenden Kraft in der Politik geworden. Auch hier sollen sie die Gesellschaft zusammenkitten. Doch die Angst führt zur Abgrenzung und letztlich zur Isolation. Es könnte einsam werden um Israel, wenn ständig ein neuer Sündenbock in die Wüste getrieben wird - dorthin, wo sich schon allzu viele Feinde sammeln.

© SZ vom 10.02.2016
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