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200. Geburtstag Otto von Bismarck:Schatten der Geschichte

Festakt zum 200. Geburtstag von Otto von Bismarck

Gauck tut sich schwer mit einer Würdigung Bismarcks.

(Foto: dpa)
  • Bundespräsident Gauck spricht zum 200. Geburtstag von Bismarck im Deutschen Historischen Museum in Berlin.
  • Er würdigt den Reichskanzler und erinnert gleichzeitig an die Verfolgung von Sozialisten, Katholiken und die Einschränkung der Pressefreiheit im Deutschland Bismarcks.
  • An eine Vorbildfunktion der Reichsgründung durch Bismarck für die Europäische Einigung glaubt Gauck nicht.

Von Constanze von Bullion, Berlin

Wenn ein Querkopf sich vor einem anderen Querkopf verneigt, weil dessen Geburtstag 200 Jahre zurückliegt, kommt dabei nicht selten eine Sonntagsrede heraus - oder eben eine knurrige Höflichkeitsgeste. Wenn ein Joachim Gauck einen Otto von Bismarck zu würdigen sucht, steht eher die erste Variante zu erwarten.

Bismarck, der Reichskanzler und Einer der Deutschen, im nationalistischen 19. Jahrhundert ein Identitätsstifter, war noch Jahrzehnte nach seinem Tod eine Reizfigur für Linke - ist also bestens geeignet, den Bundespräsidenten aus der Reserve zu locken. Der Topos der geeinten, selbstbewussten Nation ist Gauck ja keineswegs unsympathisch, auch wenn der andere, der reaktionäre Bismarck nicht zu seinen Vorbildern zählen dürfte.

Gauck bemüht sich, zu differenzieren

Was der Bundespräsident dann mitbringt zur Feier des 200. Geburtstags von Otto Fürst von Bismarck, die am Mittwochabend im Deutschen Historischen Museum in Berlin stattfand, ist vor allem der Versuch, zu differenzieren. "Ich muss gestehen, dass ich froh bin, heute nur ein Grußwort zu sprechen", sagt Gauck zu Beginn seiner Ansprache.

Ein Charakterbild Bismarcks zu zeichnen, das eine eindeutige Haltung erlaube, würde ihm schwerfallen, sagt der Bundespräsident. Lieber will Gauck versuchen, sich dem Bismarck'schen Damals mit Fragen aus dem Heute zu nähern. Preußen, Junkertum, Sozialistengesetz - "sind das nicht Geschichten aus grauer Vorzeit?", fragt er, um die Frage sofort zu verneinen. Otto von Bismarck sei noch 22 Jahre lang Zeitgenosse von Konrad Adenauer gewesen. So gesehen, sei er "noch gar nicht so lange her".

Dem ersten Kanzler einer deutschen Nation gelang es, aus dem Gegeneinander deutscher Fürstentümer ein Reich zu machen: durch Krieg, vor allem 1870/71 gegen Frankreich, durch Einhegung von Russland, auch durch die rücksichtlose Verfolgung angeblicher Feinde im Innern, zu denen er Sozialisten wie Katholiken zählte und die Pressefreiheit sowieso.

Bismarck hat vor Fragen gestanden, wie wir sie auch in der Gegenwart kennen

Ein Welt "in Bewegung" sei Bismarcks Deutschland gewesen, sagt Gauck, damals sei die erste industrielle "Massengesellschaft" gewachsen. Der Reichskanzler, der "zu den wirkmächtigsten Gestalten und Gestaltern der deutschen Geschichte" zähle, habe vor Fragen gestanden, wie sie auch die Gegenwart kenne. "In welcher Form kann und soll Deutschland geeint sein?" - "Welchen Platz soll Deutschland in der Welt einnehmen, im europäischen Gleichgewicht der Mächte?" - "Wie kann innerer Frieden hergestellt werden?"

Bismarck nährte jene Verachtung für demokratische Mitwirkung, die später die Weimarer Republik zersetzte. Es habe aber "kein gerader Weg von Bismarck zu Hitler" geführt, sagt Gauck. Statt nach dem großdeutschen Reich habe er nach dem Gleichgewicht der Kräfte gestrebt, "manch einer sieht das als vorbildlich für Europa und seinen Einigungsprozess an". Und weil diese These ziemlich steil ist, erinnert Gauck an den "Schatten", der bleibe: Bismarcks "hartnäckiger, auch unbelehrbarer Drang, Reichsfeinde zu identifizieren".

Das geht Bürgerfreund Gauck dann doch zu weit.

© SZ vom 02.04.2015/cmy
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