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FDP-Wahldesaster:Gefährliche Zweitstimmenkampagne

Sicher, die meisten, die man in den Stunden vor Schließung der Wahllokale erreichte, hofften natürlich weiter auf fünf bis sechs Prozent. Das, so hieß es dann immer, hätten auch die sogenannten Rohdaten der Umfrageinstitute zuletzt ergeben. Und dann wäre die FDP wieder da gewesen, wo sie sich auch in den Sommermonaten wähnte, weil in den friedlichen Zeiten dieses Wahlkampfs die Umfragen recht stabil über der Fünf-Prozent-Hürde wirkten. Deswegen konnten Parteichef Rösler und Spitzenkandidat Brüderle auch lange jede größere interne Debatte über ihre Strategie verhindern. Aber was sind schon Umfragen? Anhaltspunkte, mehr nicht. Sie zählen wenig in dem Bereich zwischen 4,8 und 5,2.

Und eines ist gewiss: Was lange auf ein einigermaßen achtbares Ergebnis hinauslief, drehte sich in der vergangenen Woche. Unmerklich erst, aber dann deutlich. Auf einmal setzte sich ein banges Gefühl durch: Es wird höchst gefährlich. Denn plötzlich dominierte die Zweitstimmenkampagne alles. Was hier allein schon deshalb so vielen Angst machte, weil die Röslers, Lindners und Bahrs in den Neunzigerjahren in die Partei gekommen waren, um genau das nicht noch einmal erleben zu müssen. "Dieses Sich-Kleinmachen, dieses Sich-Reduzieren", so sagt es ein Spitzenliberaler am Sonntag, "haben wir 1994 gehasst. Umso mehr trifft es uns heute."

Ob die Parteispitze es bewusst ignorierte oder in der Unruhe der letzten Tage gar nicht mehr merkte: Philipp Rösler selbst war es, der nach seiner Wahl 2011 erklärt hatte, er habe sich damals mit vielen Freunden geschworen, dass sich so etwas niemals mehr wiederholen dürfe. Wie lange scheint das schon zurückzuliegen. Denn jetzt, in der Not des Sommers 2013, ist es doch wieder genau so gekommen.

Mancher Kritiker verweist am Sonntagabend schon vehement darauf, dass die Ausgangslage für diese "Ich-erbitte-Zweitstimmen-Kampagne" 2013 von Anfang an viel schlechter gewesen sei als vor zwanzig Jahren. Zum einen, weil es damals in der Wahlbevölkerung wenig Unterstützung für eine große Koalition gegeben habe - ganz im Gegensatz zu heute. Zum anderen gebe es zumindest in der CDU selbst heute manchen, der gerne mit den Sozialdemokraten koalieren möchte - lieber als mit den Liberalen. "Gerade deshalb ist diese Zweitstimmenkampagne so gefährlich geworden", klagt einer, der vor zwanzig Jahren schon mit dabei war.

Er hat es mittags gesagt. Am Abend zeigt sich: Er hat recht behalten.

"Die Idee des politischen Liberalismus muss neu gedacht werden"

Einer freilich wirkt sehr gefasst an diesem Abend. Und man kann ihm das eigentlich nicht verdenken. Der Mann heißt Christian Lindner. Und er ist mit der erste, der sich den Kameras stellt. Vielleicht sogar stellen möchte. Jedenfalls ist es der Chef des größten Landesverbandes, der noch vor den beiden Geschlagenen auftritt.

Die FDP habe die hohen Erwartungen an den politischen Liberalismus nicht erfüllt, sagt Lindner, nicht in der Kompetenz, nicht im Stil, nicht in der Verkörperung der zentralen Anliegen. Nein, nein, er wolle der Debatte, die jetzt komme, nicht vorgreifen. Aber: "Im Grunde muss die Idee des politischen Liberalismus neu gedacht werden." Denn: "Deutschland braucht eine liberale Partei, wie es die FDP traditionell war."

War - hat er gesagt. Das sagt an diesem Abend alles.