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FDP-Wahldesaster:Es fließen auch Tränen

Und denen, die sich hier inzwischen versammelt haben, ringt das Respekt ab. Ihnen steht das Entsetzen ins Gesicht geschrieben, als ARD und ZDF die FDP unter der Fünf-Prozent-Hürde taxieren. Das ist mehr als verständlich. Denn jene, die jetzt, pünktlich um 18 Uhr, auf die Bildschirme starren, sind ja nicht nur FDP-Fans.

Viele von ihnen hängen persönlich an diesem Ergebnis. Als Mitarbeiter, Berater, Verwandte ist auch ihre Zukunft mit jener der Partei eng verbunden. Und nicht wenige kämpfen dabei schon viel länger an der Seite dieser Partei als die allermeisten in der heutigen Führung. Sie haben viele sogenannte Spitzenpolitiker kommen und gehen sehen, aber einer so derart nervenaufreibenden Anspannung sind sie selten ausgesetzt gewesen. Umso leiser, gedrückter, erschlagener zeigen sie sich in ihren ersten Reaktionen. Ja, es fließen auch Tränen.

Was da jetzt hochkommt, passt so sehr zu diesen letzten Tagen, diesem Wochenende, diesem Sonntag. Selten, vielleicht noch nie ist den Liberalen in Deutschland die Unsicherheit so sehr in alle Knochen gekrochen. Selbst ausgebuffte Optimisten unter ihnen, die den Job des Schönredens bei der FDP schon lange machen, sind am Morgen dieses 22. September unsicher aus den Betten gestiegen. Sie alle mussten zuletzt begreifen, dass auch das Schlimmste nicht mehr unmöglich war.

Einer, der schon sehr lange mit dabei ist, sagt dazu noch am Sonntagmittag: "Es ist völlig ungewiss, ob es zu einer Beerdigung kommt oder zu einer Liebesheirat." Das mit der Liebesheirat, so scheint es, hat sich erledigt. Auch wenn man zu diesem frühen Zeitpunkt am Abend nichts gänzlich ausschließen sollte. Und doch: Jetzt droht den Liberalen das, was man eine politische Beerdigung nennen müsste. Sie droht der Partei im Parlament und den Spitzen in der Führung.

Durch die Seiteneingänge reingeschlichen

Seit 16:30 Uhr ist das erweiterte Präsidium hier in einem Nebenraum zusammengekommen. Ohne ein Wort zu sagen, sind sie durch die Seiteneingänge reingeschlichen, der Parteichef mit seiner Frau, aber auch viele derer, die zuletzt zwar still waren, ihn aber schon im Januar stürzen wollten.

Man ahnt, was da jetzt aufeinanderprallen wird. Noch dringt nichts nach draußen. Aber die Kälte damals ist bis heute keiner Wärme gewichen. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, um zu wissen, dass die schärfsten Kritiker sich jetzt besonders scharf bestätigt fühlen.

Und das Verrückte ist: Wenn es so kommen sollte, wie es sich jetzt in den Hochrechnungen mehr als nur andeutet, wird ihnen das auch nichts mehr helfen. Sie werden sich wortwörtlich neue Jobs suchen müssen. Sie werden ein neues Leben beginnen, werden Hoffnungen begraben müssen. Als Rösler noch redet und zum Abschluss zum Kampf für die Zukunft aufruft, stehen die allermeisten direkt daneben. Sie klatschen lau, sie schwanken zwischen Zorn und Enttäuschung. Und sie warten nur darauf, dass sie diesen Ort verlassen dürfen.

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Parteichef Rösler wählt drastische Worte, die Liberalen sind unter Schock: Die Partei landet knapp um die Fünf-Prozent-Hürde, erstmals seit 1949 steht ihr Einzug in den Bundestag auf der Kippe. Die Chronik eines Desasters - wie es Westerwelle, Rösler, Brüderle und Co. geschafft haben, zwei Drittel ihrer Wähler zu vergraulen.   Eine Analyse von Matthias Kolb