FDP Vom Abgeordneten zum Friedhofsgärtner

Für Christoph Schnurr stellte sich nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag die Frage einer Rückkehr in den alten Job erst gar nicht. Welcher Job denn?

(Foto: Sebastian Berger)

Als die FDP aus dem Bundestag flog, war Christoph Schnurr 29, ohne Beruf und plötzlich raus aus der Politik. Jetzt kümmert er sich um Gräber und um die Grünbereiche von Hotels - und will nicht mehr zurück.

Von Jan Schwenkenbecher und Roman Deininger

Das klingt jetzt wie ein böser Scherz. Aber es kann schon mal vorkommen, dass man Christoph Schnurr in Baden-Baden mit einer Sense auf dem Friedhof antrifft. Er mäht da halt, er ist Gärtner. Neben Gräbern kümmert sich Schnurr auch noch um die Grünbereiche von Hotels. Das Leben nach der Politik - es nimmt die erstaunlichsten Formen an.

Christoph Schnurr war gerade mal 25 Jahre alt, als er 2009 für die FDP in den Bundestag einzog, Landesliste Hessen. Er ging in den Verteidigungsausschuss, er wählte zwei Bundespräsidenten mit. Seine Parlamentskarriere nahm gerade richtig Fahrt auf, da war sie schon wieder vorbei. Bei der Bundestagswahl 2013 flog die FDP mit 4,8 Prozent der Stimmen aus dem Bundestag.

Schnurr und die 92 anderen Abgeordneten der FDP-Fraktion standen mehr oder minder plötzlich auf der Straße. Vier Jahre später hat die SZ versucht, die Ausgeschiedenen von damals zu kontaktieren und sie zu fragen, wie es ihnen seither ergangen ist. Es sind kleine Bäcker darunter, große Lobbyisten, und ja: ein Friedhofsgärtner.

Im Gärtnern sieht Schnurr seine Zukunft

Das Leben nach der Politik ist nicht für jeden süß geworden. Klar, einige konnten das Aus leicht verschmerzen, 19 der 93 hatten ohnehin nicht mehr kandidiert. Andere kehrten einfach in ihre eigene Anwaltskanzlei zurück oder in ein ruhendes Angestelltenverhältnis. Frühere Minister und Staatssekretäre bekamen häufig lukrative Posten: Ex-Gesundheitsminister Daniel Bahr sitzt im Allianz-Vorstand, Ex-Entwicklungsminister Dirk Niebel ist Waffenlobbyist.

Manchen dagegen hat der Lebenslauf-Eintrag "MdB" (Mitglied des Bundestags) nicht wirklich weiter geholfen. Vier, acht oder gar zwölf Jahre Abwesenheit: Das ist im Zivilberuf mehr Lücke als Referenz. Da ist etwa die Lehrerin, der wichtige Fortbildungen fehlen. Oder der Sanitäter, der im Krankenwagen ein neues EKG-Gerät vorfand, das er nicht bedienen kann.

Für Christoph Schnurr stellte sich die Frage einer Rückkehr in den alten Job erst gar nicht. Welcher Job denn? Er hatte in Bad Homburg BWL studiert und war direkt von der Uni in den Bundestag gesprungen. Das Desaster des Herbstes 2013 versuchte er deshalb als Chance zu begreifen. Er konnte nochmal bei Null anfangen.

Schnurr sagt: "Ich habe mich gefragt, was ich wirklich machen will." Und da er drei Monate zuvor Vater geworden war, wollte er erst mal: etwas Elternzeit haben. Und dann? "Hat sich für mich die Möglichkeit aufgetan, bei meinem Schwiegervater zu arbeiten." Der Schwiegervater führt eine Gärtnerei in Baden-Baden. Also zog Schnurr mit Frau und Kind dorthin, tauschte Aktenkoffer gegen Sense.

"Für mich war das dann learning by doing", erzählt er. Mit Gartenarbeit hatte Schnurr vorher nichts zu tun - überhaupt nichts, nicht mal privat. Vieles habe er sich dann auch angelesen. Was im Bundestag gar nicht so anders gewesen sei: "Da kam ich auch in den Verteidigungsausschuss und war vorher nur zum Grundwehrdienst bei der Bundeswehr."

Inzwischen, 33 ist er heute, hat er auch noch ein Studium angefangen, Landschaftsarchitektur. Das passt zum Gärtnern, er sieht da seine Zukunft. Für Politik bleibt allerdings wenig Zeit. Während 25 seiner ehemaligen Fraktionskollegen bei der Bundestagswahl am 24. September wieder kandidieren, hat Schnurr alle Ämter in der FDP abgegeben, natürlich auch die kommunalen in Hessen. Nur hier und da gehe er mal zu einer Veranstaltung, einem Stammtisch.

Und was sagen seine ehemaligen Bundestags-Kollegen zu seinem neuen Job? Viele, sagt Schnurr, hätten gedacht, dass er in einem Job lande, "bei dem ich den ganzen Tag im Büro sitze". Diese Fehlannahme kläre er immer gern auf. Er sage dann: "Das stimmt nicht. Ich bin viel auf dem Friedhof."

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