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FDP:"Schütteln und volle Kraft voraus"

Ein Ergebnis, das wehtut: Nicola Beer Ende April auf dem Bundesparteitag der FDP in Berlin.

(Foto: Britta Pedersen/AFP)

Selten ist eine Spitzenkandidatin vor einer Wahl so gedemütigt worden wie Nicola Beer.

Das Gebäude hinter der früheren Handwerkskammer von Bielefeld ist gar nicht schlecht, um neu anzufangen. Riesige Fenster und lichtdurchflutete Großraumetagen, rustikale Holztische, moderne Bürostühle und modernste Espressomaschinen - viel Platz und hippes Flair, um aus jungen Leuten Digitalunternehmer zu machen. Alle lächeln, alles easy.

Founders Foundation heißt der Ort, ein örtlicher Mäzen hat das Gebäude gestellt, die Mohn-Familie von Bertelsmann hat gut 15 Millionen Euro Startkapital dazugegeben. Geschäftsführer Sebastian Borek schwärmt bei einer Führung für die FDP-Spitzenkandidatin Nicola Beer von seinem "Start-up-Ecosystem".

Borek spricht gerne und viel über das neue Gründerzentrum. Vor allem aber erwähnt er wieder und wieder ein Grundprinzip, das sich endlich durchsetzen müsse: das Prinzip, dass man auch mal scheitern dürfe. Gerade gescheiterte Start-ups seien eine Stütze für alle anderen, die aus den Fehlern viel lernen würden.

Nun ist Nicola Beer kein Start-up und noch nicht komplett gescheitert. Aber im Staub gelandet ist sie zuletzt trotzdem. Und deshalb dürfte ihr Boreks Botschaft guttun. Wenige Tage nach einem FDP-Parteitag, der ausgerechnet seine EU-Spitzenkandidatin mit einem desaströsen Wahlergebnis in die heiße Phase des Wahlkampfs sandte, merkt man der nach außen sonst so gepanzerten Ex-Generalsekretärin an, dass die Ereignisse an ihr nagen.

Mit nur 58 Prozent wurde Beer zur stellvertretenden Parteichefin gewählt

Da kann es sehr helfen, übers Stürzen und Wiederaufrappeln neu nachzudenken. Also schwärmt sie vom "tollen Spirit", der hier herrsche. Nickt entschieden, als Borek gegen das Fehlen der Fehlerkultur wettert. Und fühlt sich offenkundig noch besser, als beide gemeinsam von der Start-up-Szene in Tel Aviv schwärmen. Hier in Deutschland sei man ja noch die große Ausnahme. Aber dort, in Tel Aviv, da seien "alle so wie wir", sagt Beer und freut sich. Deshalb entfliehe sie immer wieder dorthin, wenn es ihr in Deutschland zu eng werde. Ganz so, als plane sie schon den nächsten Trip in Israels Mittelmeer-Großstadt.

Man spürt bei diesen Worten, wie weh ihr die 58 Prozent getan haben, mit denen sie am letzten Aprilwochenende als neu gewählte stellvertretende Parteivorsitzende heimgeschickt wurde. Hätte nur noch gefehlt, dass die Delegierten ihr ein Und-jetzt-viel-Spaß-im-Wahlkampf hinterhergerufen hätten. Selten ist eine Spitzenkandidatin vor dem Finale eines wichtigen Wahlkampfs von den eigenen Truppen derart schlecht behandelt worden. Beers Reaktion auf dieses Ereignis: Politik sei halt kein Geschäft, wo einem die Menschen "aus Dankbarkeit auf die Schulter klopfen". Deshalb gelte für sie jetzt: "Schütteln und volle Kraft voraus." Klingt wie: Hinfallen. Aufstehen. Krone richten. Weitermachen.

Doch so entschieden das klingen soll, so schwer dürfte es werden. Es tut ihr ja nicht nur das Ergebnis weh, sondern auch sein Zustandekommen. Beer wurde von ihrem Parteitag abgestraft, weil sie die bisherige stellvertretende FDP-Vorsitzende Marie-Agnes Strack-Zimmermann vermeintlich im Alleingang aus dem Amt drängte, indem sie sich um deren Posten bewarb. Die Konkurrentin verzichtete zur Befriedung der Lage auf eine Kandidatur und wurde von den Delegierten gefeiert, Beer verpassten sie eine politische Ohrfeige.

Lindners langes Überlegen dürfte auch eine gewichtige Rolle gespielt haben

Stellt sich nur die Frage: Ist das wirklich die ganze Geschichte? Mittlerweile kursieren mehrere Varianten. Und eine davon lautet, dass nicht nur Beer selbst ihre Kandidatur für eine gute Idee hielt. Mindestens ursprünglich soll auch ihr Parteichef so gedacht und geplant haben. Als Christian Lindner vor mehr als einem Jahr zusammen mit Beer und einigen anderen über ihre EU-Spitzenkandidatur nachdachte, soll auch er für eine Kopplung mit dem Stellvertreterposten geworben haben. Ob das stimmt, lässt sich heute nicht mehr endgültig sagen, weil Lindner selbst auf eine direkte Anfrage nichts kommentieren mochte. So existieren heute zwei Versionen davon, was die Parteispitze damals ausbaldowert hatte.

Manches spricht dafür, dass Beer nicht nur alleine agierte. So dürfte Lindners langes Überlegen bei der Suche nach einer neuen Generalsekretärin für die Abläufe auch eine gewichtige Rolle gespielt haben. Bis er am Ende Linda Teuteberg als Beer-Nachfolgerin vorstellte, waren neben Teuteberg weitere Namen im Rennen gewesen, darunter der des Sozialexperten Johannes Vogel und der von Katja Suding, einer weiteren Stellvertreterin des Parteichefs. Hätte Lindner die Hamburgerin Suding ausgesucht, hätte Beer ohne jeden Streit auf den frei werdenden Platz wechseln können. Als sich Lindner spät für Teuteberg entschied, kam es quasi zwangsläufig zum Duell zwischen Beer und Strack-Zimmermann. Glaubt man den Schilderungen, die heute kursieren, hat der Parteichef danach nicht mehr groß versucht, das Problem zu lösen. Erst recht warb er nicht mehr für Beer, was Narben produziert hat.

In Bielefeld spricht darüber natürlich niemand. Stattdessen stellen junge Leute ihre neuesten Ideen vor. Eine junge Frau entwickelt visualisierte Exposés für Immobilienverkäufer; eine zweite hat eine Technik und eine App entwickelt, mit der sich Angestellte anonym an ihr Unternehmen wenden können, wenn sie sich gemobbt fühlen. Beer nickt während dieses Vortrags besonders heftig. Ja, sie findet die Idee nachgerade großartig. "Das Problem", so Beer, sei bis heute ein besonders großes, weil es noch immer kaum ausgesprochen werde. Ob sie in diesem Moment auch an die eigene Partei denkt? Man kann das nicht ausschließen.

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