bedeckt München 26°

FDP in der Krise:Parteichef, eingekreist

Die Skeptiker und Mahner treten in der FDP gerne in Rudeln auf. Jüngstes Beispiel: der "Dahrendorfkreis", der die Liberalen mit grünen Themen auf Kurs bringen will. Zersplittert Guido Westerwelles Partei vor dessen Dreikönigs-Rede?

Wer zur FDP will, muss in den Keller. Nach und nach strömen die Parteimitglieder ins Untergeschoss der Stuttgarter Liederhalle, wo sich der Eingang zum Hegelsaal befindet, in dem die Liberalen ihren Dreikönigsparteitag abhalten. Auch die Stimmung bei den Liberalen ist an diesem Mittwoch im Keller. Am Morgen hatten die Nachrichtenagenturen berichtet, dass die FDP in Wahlumfragen bei vier Prozent verharrt.

Die Infostände im Foyer stehen dicht an dicht. Broschüren von der Senioren-FDP, Schokolade von der Fraktion im europäischen Parlament, Kugelschreiber von den Julis. Aber richtig voll wird es hier nicht.

Das wäre wohl anders, wenn auch die jüngste Gruppierung für ihre Sache werben würde: Der Dahrendorfkreis. Die bayerische FDP-Generalsekretärin Miriam Gruß und der liberale Europapolitiker Jorgo Chatzimarkakis haben zusammen mit fünf Mitstreitern die innerparteiliche Initiative in Anlehnung an den 2009 verstorbenen Soziologen und liberalen Vordenker Ralf Dahrendorf gegründet. Ihr Ziel: Ein "nachhaltiger, mitfühlender Liberalismus". Spötter würden von vielleicht von einer FDP mit grünen Tupfern sprechen.

Das Gruppengründen ist bei der FDP gerade eine beliebte Disziplin. Weil sich beim "Aufstand der Hasenfüße" ( Der Spiegel) offenkundig niemand alleine gegen Parteichef Westerwelle stellen will, treten die Skeptiker und Mahner im Rudel auf - zu beobachten selbst bei den potenziellen Westerwelle-Nachfolgern Christian Lindner, Daniel Bahr und Philipp Rösler, die in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen "Neujahrsappell" verfassten.

Kritik aus dem Schaumburger Kreis

Im September 2010 war es zunächst der "Liberale Aufbruch" um den FDP-Bundestagsabgeordneten Frank Scheffler, der Schlagzeilen machte. Die Gruppe wettert gegen "Glücks- und Wohlfahrtsvorstellungen per Gesetz". Mitte Dezember erlangte der Schaumburger Kreis, ein Zusammenschluss konservativer Wirtschaftspolitiker, Bekanntheit über Parteigrenzen hinaus, weil er laut über die Zeit nach Westerwelle nachdachte.

Mit dem Dahrendorfkreis betritt nun die dritte Gruppe binnen kurzer Zeit die politische Bühne, weshalb in Stuttgart einige Liberale über die grassierendie "Kreiskrankheit" spötteln. Anders als bei der SPD (Seeheimer Kreis, Netzwerker) oder den Grünen (Realos gegen Fundis) sind institutionalisierte Strömungen bei den Liberalen bislang eher kein Thema gewesen.

Und nun kommen die Dahrendorfer daher und verkünden, Ansprechpartner für die "ganzheitlich Liberalen" zu sein, wie Chatzimarkakis sagt. Genau wie Gruß gehört er zu den Gründern des Kreises. Er hat sich damit nicht nur Freunde gemacht - auch wenn sich Generalsekretär Lindner, Gesundheitsminister Rösler und der NRW-Vorsitzende Bahr angeblich positiv über die Dahrendorfer geäußert haben.

Im ersten Thesenpapier der noch jungen Seilschaft rechnen Chatzimarkakis, Gruß und ihre Mitstreiter mit der Ausrichtung der FDP der vergangenen Jahre ab. Neben dem Duo haben auch die Europapolitiker Nadja Hirsch, Gesine Meissner und Alexander Alvaro sowie der Bundestagsabgeordnete Sebastian Körber und der Blogger Christoph Giesa das Papier unterzeichnet.

"Die FDP hat eine eigenständige Position im politischen Spektrum, die in den letzten Jahren programmatisch nur auf Steuersenkungen und andere wirtschaftspolitsche Themen verkürzt wahrgenommen wurde", heißt es gleich im ersten Satz. Damit solle nun Schluss sein. "Wenn die Führung beim Dreikönigstreffen nur mit 'Mehr Netto vom Brutto' ankommt, ist mein Eindruck, dass die Wähler kein Verständnis dafür haben werden", sagt Miriam Gruß im Gespräch mit sueddeutsche.de.