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FDP in der Hamburger Bürgerschaft:Sonnenbad im Winter

FDP-Parteivorsitzender Christian Lindner nach der Wahl in Hamburg

Der FDP-Parteivorsitzende Christian Lindner in Berlin nach der Wahl in Hamburg

(Foto: dpa)
  • Die FDP bleibt in der Hamburger Bürgerschaft - damit holt die Partei zum ersten Mal seit Langem bei einer Wahl wieder genug Stimmen.
  • Offenbar fällt es der Partei aber schwer, mit ihrem "Erfolg" umzugehen.
  • Jetzt geht es darum, den Anhängern, der Öffentlichkeit und sich selbst zu beweisen, dass mit der Partei nicht alles vorbei ist.

Von Stefan Braun

Das kommt dann doch unerwartet. Da gewinnt die FDP zum ersten Mal seit Langem bei einer Wahl, und ihre Parteiführung sieht aus, als habe sie eben eine bittere Pille schlucken müssen. So steif, so verkrampft, so unfröhlich hat man Christian Lindner, den Parteichef, selten gesehen. "Die Freude und die Erleichterung sind groß", sagt er gerade beim Auftritt in der Berliner Parteizentrale. Nur kann man in der gesamten Führungsriege in dem Moment nirgends ein Lächeln entdecken.

Ringen da alle gerade um Fassung? Sind sie gerührt? Vielleicht erlebt man in diesem Augenblick, wie sehr die FDP es in den letzten anderthalb Jahren verlernt hat, glücklich, zufrieden, vor allem gelassen aufzutreten. Ob Lindner oder seine Stellvertreter um ihn herum - alle erinnern zu Beginn dieses Auftritts an eine verkrampfte, unfröhliche Familie beim Gruppenfoto.

Erst langsam, als ob er und alle um ihn herum auftauen müssten, entspannen sich die Gesichter. Und Lindner kann, allmählich von Beifall befeuert, erklären: Olaf Scholz verdiene zwar Respekt, aber "für uns ist Katja Suding die Gewinnerin des Abends". Natürlich freuen sich hier alle, aber es fällt ihnen schwer, locker aufzutreten. Es ist schon erstaunlich, wie sehr und wie lange einem harte Niederlagen in den Kleidern hängen bleiben.

Dabei ist der Partei tatsächlich gelungen, was sie sich seit Monaten sehnlichst erhofft hat: Sie verliert nicht in Bausch und Bogen, sondern holt ein sehr achtbares Ergebnis. Damit fällt auf die FDP, die seit zwei Jahren nur gebeutelt, besiegt und als sterbende Spezies belächelt wurde, plötzlich zum ersten Mal wieder ein Sonnenstrahl. Einer, der in den Reihen der Liberalen wie ein Heizstrahler etwas Wärme verbreiten könnte nach einem sehr langen Winter. Hatte es im gesamten vergangenen Jahr nur herbe Niederlagen und weitere Häme gegeben, so wird Hamburg bei den Liberalen die Hoffnungen auf ein politisches Comeback nähren.

Wie schmal allerdings der Grat ist zwischen der Demut in Zeiten der Niederlagen und aufziehendem Hochmut hatte Lindner schon in den letzten Tagen bewiesen. Am Freitag hatte er den Sozialdemokraten, mit guten Prognosen im Rücken, Koalitionsverhandlungen angeboten. Das konnte man lächelnd als Chuzpe bewerten oder als gefährlichen Übermut betrachten. Wer sich daran erinnert, wie sehr Hochmut und Arroganz die FDP in der letzten Koalition mit der CDU ruinierten, schaute ungläubig auf Lindners Selbstbewusstsein. Vielleicht ist ihm das bis Sonntag bewusst geworden.

"Wenn Olaf Scholz anruft, werden wir das Gespräch sicher annehmen"

Wie anders man auftreten kann, zeigt an diesem Abend Wolfgang Kubicki. Ausgerechnet der Kieler Fraktionschef, sonst nie sparsam mit lockeren Sprüchen, erklärte Minuten nach Schließung der Wahllokale, man freue sich natürlich und werde sich bei einem Gesprächsangebot auch nicht verweigern. Am Zug aber sei der Bürgermeister. Im Übrigen müsse die FDP jetzt erst mal beweisen, dass sie dem Vertrauen der Wähler auch gerecht werde.

Auch Katja Suding selber, die schon früh am Abend in Hamburg auftritt, wirkt zwar froh, aber zugleich nicht wie eine, die gleich wieder übers Ziel hinausschießen möchte. Sie spricht (na klar, das tun alle) von einem "furiosen Wahlkampf" und einer "tollen Teamleistung". Aber sie spielt sich nicht gleich wieder auf, so wie es andere, meist männliche Wahlkämpfer nach Siegen gerne machen. Sie sagt stattdessen: "Wir freuen uns, und wenn Olaf Scholz anruft, werden wir das Gespräch sicher annehmen."

Diese Tonlage zeigt gut, dass es für die FDP an Alster und Elbe nicht nur um ein paar Bürgerschaftssitze ging. Es geht darum, den Anhängern, der Öffentlichkeit und sich selbst zu beweisen, dass mit der Partei nicht alles vorbei ist. Ob sich das nach dem Abend von Hamburg fortsetzt, wird sich im Mai in Bremen zeigen. Suding hat immer wieder vom schweren "Winterwahlkampf" gesprochen. Jetzt hofft die FDP auf den Frühling.

© SZ vom 16.02.2015/mcs
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