FDP-Abgeordneter Sattelberger "Viele Frauen wissen nicht, dass die FDP auch mal die Partei der Frauen war"

FDP-Bundestags-Politikerinnen Irmgard Schwaetzer, Lisa Peters, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Gisela Babel, Birgit Homburger, Cornelia Schmalz-Jacobsen (v.l.) am 13. Juli 1998 in Hannover anlässlich der bundesweiten Aktionswoche 'Frauenpower'

(Foto: picture-alliance / dpa)

Thomas Sattelberger hat einst bei der Telekom eine Frauenquote durchgesetzt. Jetzt regt der FDP-Abgeordnete das Gleiche in seiner Partei an. Unterstützung erhofft er sich von Parteichef Lindner.

Interview von Mike Szymanski, Berlin

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Thomas Sattelberger, 68, ist bislang der vehementeste Befürworter einer Frauen-Quote für die FDP. In der Partei liegt der Frauenanteil bei nur noch knapp 22 Prozent. Das ist der niedrigste Wert der vergangenen 30 Jahre. Sattelberger war vor seiner Zeit als Berufspolitiker ein Top-Manager. Bei der Telekom hatte er eine Frauenquote durchgesetzt - gegen große Widerstände. Mit der Süddeutschen Zeitung spricht er über die Quote, die FDP und deren Verhältnis zu Frauen.

SZ: Spitzenpolitikerinnen der FDP wie Parteivize Katja Suding oder Generalsekretärin Nicola Beer lehnen eine Quote ab, noch bevor die Diskussion darüber richtig angefangen hat. Hat sich die Quote für die FDP schon wieder erledigt?

Thomas Sattelberger: Wir sprechen gerade einmal über eine Gesamtmenge von drei Spitzenpolitikerinnen, die sich geäußert haben. Frau Strack-Zimmermann ist offen.

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Mehr Frauen sind nicht im FDP-Präsidium vertreten. Da geht das Problem schon los.

Deswegen geht es erst einmal darum, eine gründliche Analyse und einen offenen Willensbildungsprozess zu organisieren. Wir haben bei uns nicht wenige Frauen und Männer, die darüber nachdenken, wie man die Kultur in der Partei diverser macht. Wie man Arbeit, Familie und politisches Engagement in Balance bringen kann. Dies auf die Frage der Quote zu reduzieren, wäre ein kompletter Fehler. Sie muss bei den Diskussionen aber eine Rolle spielen.

Geht der Wandel ohne Quote?

Die Quote ist eine Ultima Ratio. Auf der anderen Seite hat die FDP schon Jahrzehnte mit diesem Thema gerungen und vieles ausprobiert. Sie hat festgestellt, dass ein ,immer mehr des Gleichen' wie Mentoring-Programme und öffentliche Appelle nicht zu einer Veränderung führt. Ich würde deshalb der Partei immer empfehlen, sich in Selbstverpflichtung Ziele zu setzen, egal, ob man das nun Ziel oder Orientierungswert oder auch Quote nennt. Ich denke, die FDP wird die Debatte darüber nicht mehr los.

Was macht die FDP heute unattraktiv für Frauen?

Ich glaube, dass es nach wie vor der ein bisschen martialische Aufritt ist: Häufig wortgewaltig, rhetorisch mannhaft. Die Anmutung der Partei ist oft eher Posaune blasen als Reflexion. Aber das ist nicht alles. Viele Frauen wissen nicht, dass die FDP auch mal die Partei der Frauen war: Ich denke an Hildegard Hamm-Brücher, Irmgard Schwaetzer und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Liberale Frauen, die Weichen gestellt haben. Sie haben nur die nächste Phase erlebt, da war die FDP die Partei der "Boy-Group". Fehlende Diversität hat dazu geführt, dass Frauen uns als eine Männer-, zum Teil als eine Jung- zum Teil als eine Altmännerpartei sehen

Wie lange dauert es, so ein Bild zu korrigieren?

Das dauert. Das sehen wir ja nicht nur an uns. Wenn sich der CSU-Politiker Horst Seehofer mit zehn Männern in seinem Innenministerium ablichten lässt, dann prägt sich dieses Bild ein. Es geht aber auch um Haltung. Um nachhaltig zu diesem Thema einen Wandel einzuleiten, wird es sieben, acht Jahre dauern. Das Tal der Tränen sollte in drei bis vier Jahren durchschritten sein.

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Partei-Vize Wolfgang Kubicki lässt gerne mal den Macker raushängen. Muss sich jeder zusammenreißen?

Nein! Ich halte es für extrem schädlich, wenn wir jetzt in eine neue Debatte der Normierung kämen. Müssen wir jetzt gefällig sein für das, wovon wir glauben, dass es uns für Frauen anziehend macht? Überhaupt nicht. Stiernackige Auftritte sind genauso legitim wie zuhörende, hinterfragende. Die Güte liegt in der Vielfalt.

Die FDP strebt einen Frauenanteil von einem Drittel an. Reicht das?

Das war in der Wirtschaft und in der Zeit, als ich Manager war, eine kritische Größe, bei der man die Hoffnung haben kann, dass sich das Thema als Selbstläufer weiterentwickelt. Es geht um Sichtbarkeit von Frauen - ob zwei oder gar eine unter Zehn oder drei unter Zehn, das macht einen riesigen gefühlten Unterschied.

Wenn Generalsekretärin Nicola Beer und Vize Katja Suding sagen: Quote eher nein, machen sie es dann sich zu leicht, weil sie schon oben angekommen sind?

Vielleicht machen sie es sich auch zu schwer. Wir kennen das Phänomen aus der Wirtschaft: Wenn Frauen oben angekommen sind, schenken sie der Talent-Entwicklung weniger Aufmerksamkeit. Die Gründe sind vielfältig. Sei es die Sorge, als Mentorin von Quotenfrauen betrachtet zu werden oder das Bedürfnis, die Einzigartigkeit deutlich zu machen: Ich habe es geschafft. Da sind Frauen nicht anders als Männer. Genauso kann eine feste ideologische Überzeugung dahinterstecken. Doch wenn die Grünen - wie es gerade geschieht - ihre Haltung zur Gentechnologie in Frage stellen, dann ist es nicht schamlos, wenn die Liberalen ihre Haltung zur Frauenquote überdenken.

Die Quoten-Befürworter in der CSU hatten damals immerhin mit Landtagspräsidentin Barbara Stamm eine starke Fürsprecherin.

Die Tatsache, dass sich Frau Stamm dafür ausgesprochen hatte, hat nicht dazu geführt, dass die CSU beim Frauenanteil deutlich besser aufgestellt ist. Unser Vorsitzender Christian Lindner sieht das Thema als relevant an. Er ist als Reformer angetreten . Parteien, die nicht vielfältig sind, sind schlecht dran, wenn sie mit den vielfältigen Problemen umgehen müssen. Maskuline Organisationen geben eher maskuline Antworten - egal ob in der Wirtschaft oder in der Politik. Es ist in Lindners ureigenem Interesse, das zu ändern. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass er zum Schutzpatron der Frauenförderung wird.

Lindners neue FDP ist ein Reißbrett-Produkt. Hat er die Frauen nicht mitgedacht?

Ich kann nicht ausschließen, dass dies bei der Neuaufstellung der Partei ein blinder Fleck war.

Sie kennen die Quoten-Debatte als Top-Manager bei der Telekom. Was ist anders daran, die Debatte in einer Partei zu führen?

Gar nicht so viel. Bei der Telekom gab auch einen signifikant großen Anteil von Frauen, die gesagt haben: Quote? Brauchen wir nicht. Die Techniker sagten, es gebe zu wenig Talente, zu wenig Ingenieureinnen. Die Argumente waren schnell überholt. Weil alles geht, ohne Qualitätsverlust. Man muss es nur wollen.

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