FBI-ErmittlungenDer seltsame Doktor Anthrax

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Wer war Bruce Ivins? Das FBI ist sich sicher, der Biochemiker war ein Serienmörder. Einer vom Typ verrückter Wissenschaftler à la Dr. Mabuse. Der Versuch der Rekonstruktion einer panischen Zeit.

Willi Winkler

Bruce Ivins war das Schicksal seiner Mitmenschen nicht gleichgültig, er hatte immer ein Auge für die Nöte seiner Nächsten. Bei Festen unterhielt er die Nachbarskinder mit seinen Jonglierkünsten. Seine Arbeitskollegen erinnern sich dankbar eines Mannes, den die trockene Forschung nicht davon abhielt, das gesamte Büro mit Couplets zu erheitern. Seiner Kirche, Hl. Johannes Evangelist in Frederick im schönen Bundesstaat Maryland, war der fromme Katholik nicht bloß als aktives Mitglied zugetan, sondern er schlug dort auch immer gern die Orgel. Ja, so manches Wochenende gab er dran, um beim Roten Kreuz als Freiwilliger mitzutun.

Anthrax-Briefe: Die weltweite Panik vor den federleichten Sporen fällt angeblich auf Bruce Ivins zurück.
Anthrax-Briefe: Die weltweite Panik vor den federleichten Sporen fällt angeblich auf Bruce Ivins zurück. Foto: Reuters

Als das FBI in seiner Nähe einen zugefrorenen See untersuchte, weil man sich dort Hinweise auf den Versender des tödlichen Milzbranderregers erhoffte, war der patriotische Ivins zufällig mit dabei. Hilfsbereit und gut aufgelegt wie immer, so weiß es die New York Times, schenkte er an die frierenden Beamten Kaffee aus, verwöhnte sie mit Zuckerteilchen und Schokolade.

Dr. Bruce Ivins ist tot. Der 62-jährige Biochemiker starb am 29. Juli 2008 an einer Überdosis allgemein zugänglicher Medikamente. Seine Familie betrauert den frühen Tod eines liebenden Vaters, das FBI bedauert, dass es nun ohne sein Geständnis auskommen muss.

Von der Pest

Der treusorgende Familienvater, der Kinderfreund, der Kirchgänger, der Waffenbesitzer, der gute amerikanische Staatsbürger Bruce Ivins war nach Ansicht des amerikanischen Justizministeriums allein verantwortlich für eine Serie von Anschlägen, die die USA vor knapp sieben Jahren in eine nie gekannte Panik versetzten. Bei Zeitungen, Fernsehsendern und in Abgeordnetenbüros wurden im September und Oktober 2001 Briefe an bekannte öffentliche Persönlichkeiten zugestellt, die den tödlichen Milzbranderreger enthielten. Fünf Menschen, die nicht die Adressaten waren, starben beim Einatmen der federleichten Sporen, 17 weitere wurden kontaminiert.

Panikmache unter dem Vorwand der Aufklärung gehört seit je zu den vornehmsten Aufgaben der Medien, und das Fernsehen und die Zeitungen nahmen ihren Verstärkungsauftrag bereitwillig wahr und berichteten über Wochen von den geheimnisvollen Briefen. Vorübergehend wurden Postzentren geschlossen, mussten die eingehenden Briefe von Männern in Schutzanzügen und mit Handschuhen kontrolliert werden, ehe sie dem Empfänger zugestellt werden konnten. Anthrax-Sporen wurden auf der ganzen Welt gefunden, in Flugzeugen, Botschaftsgebäuden und immer wieder auf dem Postamt. Obwohl sich alle Fälle außerhalb der Vereinigten Staaten als Taten von Trittbrettfahrern herausstellten, hatte die Welt im Herbst 2001 Grund, sich zu fürchten. Die Angst war allgemein, sie hatte das zivile Leben erreicht.

Die Stadt Oran selbst sei hässlich, berichtet der Chronist, nichts Besonderes. Eine Stadt wie jede andere. Die Menschen gehen ihrer Arbeit nach, sie lieben und leiden, faulenzen und arbeiten, betrinken sich und sterben, ein jegliches zu seiner Zeit. Mit einem Mal, ohne Vorwarnung, ohne Grund, ist diese bisher so festgefügte Zeit aus den Fugen. "Am Morgen des 16. April trat der Arzt Bernard Rieux aus seiner Wohnung und stolperte mitten auf dem Flur über eine tote Ratte."

Die Ratte bleibt nicht die einzige. Überall werden die toten Tiere gefunden, in der ganzen Stadt, und dann bricht die Pest aus. In Albert Camus' Roman "Die Pest" (1947) kehrt die Seuche als Metapher wieder, als Bild für die Sinnlosigkeit menschlicher Existenz, aber auch als anthropologisches Trauma.

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Zu den nicht wenigen Segnungen der Moderne gehört, dass Epidemien zumindest auf der Nordhalbkugel eingedämmt sind. Cholera, Typhus, die Ruhr, die gemeine Pest besorgten als Nachhut kriegerischer Auseinandersetzungen den Rest, der noch übriggeblieben war. Die Medizin, erst recht das Volk, war machtlos dagegen; Hegel starb noch 1831 an der Cholera. Gleich ob als "Schwarzer Tod" oder als Franzosenkrankheit: Diese Epidemien regierten übers finstere Mittelalter hinaus in die Neuzeit und lehrten die Menschen Mores, die sonst vielleicht schon eher dem eisernen Griff von Kirche und Religion entkommen wären.

Die Pest war aber nie fort. Die Brunnenvergiftung, die es heute nur noch als Metapher gibt, kam im Mittelalter zwar auch nicht so häufig vor, existierte aber als Lebensgefahr, die sich jeder jederzeit vorstellen konnte. 1979 war es zu einem Unfall in Swerdlowsk gekommen. Ein Arbeiter hatte die Filter an den Abluftrohren entfernt und damit die Milzbrandsporen freigesetzt, die in dieser Fabrik entwickelt wurden. Binnen einer Woche starben mehr als hundert Menschen durch die Freisetzung des Erregers. Scheinbar aus dem Nichts kommend, die Massen bedrohend, möglicherweise nicht einzudämmen, eine allumfassende anonyme Bedrohung - die Pest war doch nicht ausgerottet, sie hatte sich nur angepasst.

Die Politik weiß es besser

In New York gab es keine Gasmasken mehr zu kaufen. Die Hysterie wegen der terroristischen Bedrohung nahm selber lebensbedrohliche Ausmaße an. Auf den Anschlag der al-Qaida vom 11. September 2001 schien ein Angriff zu folgen, der noch verheerender zu werden drohte. Nicht nur Amerika, aber vor allem Amerika fürchtete sich im Herbst 2001. Noch nie war das Land auf eigenem Boden angefallen worden. Ein gesichtsloser Feind war offenbar zum Krieg entschlossen, und dieser Feind - blindwütig, irrational, grausam - hatte doch erst angefangen. All das hatte der unscheinbare Bruce Ivins geschafft, der sein ganzes berufliches Leben mit der Erforschung von Krankheitserregern zugebracht hatte.

Selbstverständlich hatten seine Briefe keinen identifizierbaren Absender, dafür eine umso deutlichere Botschaft: "Tod für Amerika. Tod für Israel. Allah ist groß." Plumper geht's kaum, aber die Botschaft kam an: Nicht nur die alarmierten Medien, auch der US-Vizepräsident hielt eine Verbindung zum Terrornetzwerk al-Qaida für möglich. Dick Cheneys scheinbare Leichtgläubigkeit erweist sich jedoch als besonders staatsmännisch, wenn man weiß, dass der Vizepräsident in jenen Wochen bereits Gründe sammelte, mit denen sich ein Krieg gegen Saddam Hussein rechtfertigen ließ.

Saddam Hussein, den seine Feindschaft mit der Gruppe um Osama bin Laden nicht davor bewahrte, von der zum Krieg gegen den Terror entschlossenen amerikanischen Regierung zum Anstifter des 11.September bestimmt zu werden, sollte auch der Verursacher dieser neuesten und ganz besonders heimtückischen Form von Bioterrorismus sein. Oder hatte Saddam nicht 1992 die Bewohner der kurdischen Stadt Halabdscha mit Giftgas umbringen lassen?

Der verrückte Professor

Sei es als Dr. Mabuse oder als Dr. Seltsam, der Typ des mad scientist spukt in vielfältiger Gestalt durch das 20. Jahrhundert. Bevorzugt droht er aus Filmen, aber immer mit einem leichten Hang ins Unwirkliche. Im Kino wird er maßlos übertrieben dargestellt. Seine persönlichen Merkmale sind: Größenwahn, Geltungssucht, Hässlichkeit, und einsam ist er auch. Er ist ein zerebrales Alphatier, dem die Expertise in seinem Fach den größenwahnsinnigen Gedanken einflüstert, er müsste die Welt nach seinem kranken Hirn formen, notfalls mit Gewalt.

Gefährlich sind nicht die gewöhnlichen Wissenschaftler. Es sind nicht wenige unter ihnen, die käuflich sind, schreiben ihre Gutachten für die Zigarettenindustrie und gegen die Windenergie, sie fürchten hochdotiert den Klimawandel herbei oder warnen vor dem Genmais, tun aber sonst keiner Fliege was zuleide. Gefährlich sind Wissenschaftler, deren Genie erst im Machtschatten erblüht oder, noch schlimmer, in der Ohnmacht.

Pakistan hatte seinen "Dr.Death", den Abdul Kadir Khan, der, selbstverständlich gefördert von der eigenen Regierung und bereitwillig gedeckt von der amerikanischen Schutzmacht, für Pakistan die Atombombe entwickeln durfte und die Baupläne an Iran und Nordkorea weiterverkaufte. Wissenschaft ist schließlich dafür da, dass man Gebrauch macht von ihr.

Diese Größenwahnsinnigen sind kein Exklusivbesitz der Dritten Welt, die Erste kann es mindestens so gut. Unvergessen sind Edward Tellers Phantasien über die Heilsamkeit der Neutronenbombe, oder die ungeheure Macht, die dem akademischen Historiker Henry Kissinger zuwuchs, als sein Chef Richard Nixon wegen der Watergate-Affäre regierungsunfähig und paranoid wurde.

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Teller, Kissinger, Wernher von Braun gelten als Vorbilder für Stanley Kubricks "Dr. Seltsam, oder wie ich lernte die Bombe zu lieben"; ein weiterer ist der Kybernetiker Herman Kahn (1922 - 1983). Der war der verrückteste dieser mad scientists und zugleich der klügste, dabei ganz real und keineswegs eine Kinofigur. Bereits 1961 entwickelte er eine Kosten-Nutzen-Analyse für den Fall, dass die USA einen "thermonuklearen Krieg" beginnen sollten und gewinnen wollten. Er ließ sich von der Regierung Eisenhower die Aufgabe stellen, "das Undenkbare zu denken" und faselte wie besinnungslos vom "Wärmetod" der Welt. Dabei tröstete er sich und seine amerikanischen Mitbürger damit, dass auch nach einem Atomkrieg genügend fortpflanzungsfähige Amerikaner für, nun ja, für die Erhaltung der amerikanischen Art übrigbleiben würden.

Am 6. August 2008 präsentierte das FBI das Ergebnis seiner siebenjährigen Recherchen, in deren Verlauf, wie auf einer Pressekonferenz stolz verkündet wurde, 9100 Befragungen durchgeführt, 26.000 E-Mails ausgewertet, 75 Hausdurchsuchungen vorgenommen worden waren und Nachforschungen auf sechs Kontinenten stattgefunden hatten. Es soll nur einen einzigen Täter geben, Dr. Bruce E. Ivins. Dass man erst seinen Kollegen Steven J. Hatfill als Täter verdächtigt hatte, um ihm dann einen Schadenersatz von 4,6 Millionen Dollar für eben diese Verdächtigung zu zahlen, blieb bei dieser feierlichen Gelegenheit unerwähnt. Eine gerichtliche Klärung der kriminalistischen Untersuchung wird es nie geben.

Nach Aktenlage war Ivin ein Psychotiker mit gelegentlicher Einsicht in seinen seelischen Zustand. Schon ein Jahr vor dem 11. September, ein Jahr vor seiner eigenen Terrorwelle, musste der Chemiker, wie die Los Angeles Times vom FBI weiß, Antidepressiva und die Hilfe eines Psychotherapeuten in Anspruch nehmen. Über seinen Zustand legte er für sich und einen Vertrauten in einer E-Mail mit wissenschaftlicher Klarheit Rechenschaft ab: "Ich hätte gern die Kontrolle über meine Gedanken, aber mir fällt es schon schwer, mein Verhalten im Griff zu behalten. Wenn es wieder wütet in mir, versuche ich mir weder zu Hause noch in der Arbeit etwas anmerken zu lassen, damit ich die Pest nicht weiter verbreite."

Paranoia

Neben seinen Aufzeichnungen fand sich auch ein Exemplar von Albert Camus' Roman "Die Pest". Das Buch ist etwas aus der Mode gekommen, aber es hat eine ungeheure klaustrophobische Faszination, genau das, was ein Mann, dessen Gedanken unaufhörlich um die Vorstellung einer alle erfassenden und vernichtenden Vergiftung kreisen, wie einen heiligen Text lesen würde. Bei

Camus ist es der Arzt, der die Menschheit heilen kann, aber heilen kann er sie nur, wenn sie zuvor das Schlimmste durchgemacht hat.

Das alles klingt wie ein mickriges Psychogramm für einen lebenslang Zukurzgekommenen. Ivins war jedoch außerordentlich erfolgreich: Er galt als einer der bedeutendsten Experten für Biowaffen und ihre Bekämpfung; auf seinen Namen sind zwei Patente angemeldet. Allem Anschein nach führte er ein vorbildliches Familienleben, war lebenslang mit derselben Frau verheiratet, Eigenheim, Auto, Steuerzahler, unauffälliger Mitbürger, und seine beiden Kinder haben ihm rührende Grüße nachgerufen.

Bruce Ivins war geradezu erschreckend normal, ein Wissenschaftler eben, wenn auch nicht ohne Interesse an der Welt; er selber sprach von einer "paranoiden Persönlichkeitsstörung". Zuletzt, aber da hatte ihn das FBI bereits eingekreist und er musste mit der Mordanklage und vor allem der Bloßstellung rechnen, stieß er Todesdrohungen gegen Kollegen, gegen seinen Therapeuten aus.

Ivins war offensichtlich von infernalischem Hass auf die moderne Welt beseelt, war ein militanter Feind der Abtreibungsbefürworter und fürchtete, dass sich sein Einsatz für eine Schutzimpfung gegen den Milzbranderreger als sinnlos und damit nicht mehr finanzierbar erweisen könnte; sein Lebenswerk war für ihn in Gefahr.

In anderen, längst vergangenen Zeiten wäre Ivins ein Seher gewesen, ein Prophet, auf dessen Mahnreden niemand hört, ein Bußprediger, der in allerhöchstem Auftrag mit einer ewigen Höllenstrafe drohen konnte, wenn seinen Anweisungen nicht Folge geleistet würde.

Diese Form des härenen Kulturkritikers ist vielleicht etwas voreilig der Lächerlichkeit preisgegeben worden. Der Mensch braucht offensichtlich die humorlosen Prediger, die ihm heimleuchten, so dass er in sich geht, für kurze Zeit wenigstens.

Die peinliche Wahrheit kam bei der großen FBI-Enthüllung natürlich nicht zur Sprache: Dass sich an einer der empfindlichsten Stellen der westlichen Welt ein Psychotiker betätigen konnte, der vergeblich versuchte, sein Leiden zu therapieren, indem er anderen noch mehr Leid zufügte. Der Arzt Bernard Rieux hat seine Chronik der Pest in Oran geschrieben, weil der hemmungslose Optimist beweisen wollte, "dass es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt". Bruce Ivins wartet auf seinen gerechten Richter. Er ruhe in Frieden.

© SZ vom 16.08.2008/cag - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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