(SZ) Was in dem Faultier vorgeht, wenn es im Zoologischen Garten hoch über den Besuchern hängt, lässt sich schwer ermessen. Gar nichts, glaubt man Tiervater Alfred Brehm: „Das Auge ist blöde und ausdruckslos wie kein zweites Säugetierauge ... Man nennt sie harmlos, will damit aber ausdrücken, daß sie überhaupt geistiger Regungen nicht fähig sind.“ Dennoch löst das Faultier, wenn es in Zeitlupe einmal von Ast zu Ast wechselt, Bewunderung und Freude in der Besucherschar aus. Es ist nicht zu verkennen, dass es sich bei Brehm um einen alten weißen Mann handelte, der ihm nicht genehme Tierarten wie die besagte einem perfiden othering unterzog. So sagte er sogar dem freundlichen Wombat nach, dieser „humpele“ nächtens aus seinem Bau und sei „ein stumpfsinniger und gleichgültiger Gesell“. Es kann nicht verwundern, dass die Reputation des Faultiers, eines Geschöpfs aus der Familie der „Zahnarmen“ (Brehm), in unseren Zeiten der Achtsamkeit eine deutlich bessere ist. Dies mag auch daran liegen, dass im Zuge der Work-Life-Balance im Arbeitsleben das Abhängen – eine Kunst, welche das Faultier ins Meisterliche verfeinert hat – heute als gesellschaftliche Errungenschaft gilt und nicht mehr als die typische Haltung von Nichtsnutzen, Tagedieben und Faulpelzen.
Die Zeitschrift Biology Letters unterstützt diese neue Sicht durch eine verdienstvolle Veröffentlichung, der zufolge in ferner Vergangenheit sogar die Riesenfaultiere Megalonyx unsere Erde bevölkerten. Wahrscheinlich war unter ihm aufgrund seines Gewichts von einer Tonne zu oft der Ast gebrochen und der Megalonyx unsanft auf dem Boden aufgeschlagen, jedenfalls blieb er irgendwann lieber unten und bewegte sich dort so langsam fort wie der Lernprozess bei Friedrich Merz, was ein Kanzler vielleicht doch lieber nur denken sollte. Dabei verbreitete er, also der Megalonyx, nicht Friedrich Merz, in all seiner bezeichnenden Ruhe Blütenstaub auf dem Boden, aus dem dann Bäume und Pflanzen sprossen, so behaupten die Forscher.
Daher sei das Faultier endgültig als Rollenmodell für Politik und Gesellschaft empfohlen. Wie viel behaglicher wäre dieses Land, wenn der Kanzler gekonnt chillen und in der Ruhe die Kraft finden würde, weniger unüberlegtes Zeug zu reden. Aus solcher Bedachtheit erwüchsen dann, um im Bilde zu bleiben, blühende Landschaften. Und die Dauerempörten der Republik dösten friedlich hoch oben über den Ärgernissen dieser Welt, statt auf X herumzuwüten. Ein tiefer Frieden würde jählings eintreten, wie ihn der Dichter Jürgen Wagner am Beispiel eines Faultiers besang: „Im Regenwald, im Regenwald, / da hängt im Baum der Willibald / Sieht man die Welt einmal kopfüber, / ist man erfreut und etwas klüger.“ Aber für die Hoffnung, dass die Welt klüger wird, und sei es nur nach Art der Faultiere, spricht leider nicht viel.