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Familientrennung an der US-Grenze:Hunderte Eltern ohne ihre Kinder abgeschoben

Demonstration gegen die Trennung von Einwandererfamilien Ende Juni

(Foto: AFP)
  • Am Donnerstag ist in den USA die gerichtliche Frist abgelaufen, in der die US-Regierung die an der Grenzen getrennten Migrantenfamilien zusammenführen muss.
  • 1800 Kinder sind wieder bei ihren Eltern oder Verwandten.
  • 431 Kinder können ihre Eltern nicht treffen, weil diese bereits abgeschoben wurden.

Es sollte der Stichtag werden, an dem die US-Grenzbehörden die Trennung von Migrantenfamilien endgültig beenden: Am Donnerstag lief die 30-tägige Frist aus, die ein Richter der US-Regierung gesetzt hatte.

Bis dahin mussten alle Kinder wieder in der Obhut ihrer Eltern sein, mit denen sie im Mai und Juni illegal über die Grenze zu Mexiko gekommen waren und dabei von ihnen getrennt wurden. Bei den Betroffenen handelte es sich um Familien aus Mittelamerika.

Die Bilanz:

  • Mehr als 2500 Kinder zwischen fünf und 17 Jahren wurden an der Grenze von Eltern oder Elternteil getrennt.
  • 1442 von ihnen sind nun wieder vereint, noch 223 befinden sich derzeit mit ihren Eltern in Abschiebezentren.
  • 378 sind bei ihrer Familie oder Verwandten.
  • In 900 aller Fälle liegt bereits ein Abschiebe-Bescheid vor.

711 Kinder, also gut ein Drittel der Betroffenen, bleiben weiterhin alleine in Gewahrsam der US-Behörden.

  • Von diesen Fällen wurden bei 431 Kindern die Eltern bereits abgeschoben und müssen nun erst im Ausland gefunden werden (die Abschiebung ist allerdings nicht in allen Fällen verbürgt).
  • Im Großteil der weiteren betroffenen Kinder führt die Regierung nicht abgeschlossene Hintergrund-Prüfungen, Vorstrafen oder vorliegende Auslieferungsersuchen der Eltern an.
  • In 79 Fällen wurden die Eltern bis zu ihrem Termin vor dem Einwanderungsgericht ein befristetes Bleiberecht gegeben. Sie befinden sich in den USA, sind aber derzeit nicht auffindbar.
  • 37 mal konnten die Eltern der Kinder noch nicht identifiziert werden.

Für die 105 Kinder unter fünf Jahren lief die Frist zur Familienvereinigung bereits vor zwei Wochen ab. Bei mehr als der Hälfte ist die Zusammenführung abgeschlossen, allerdings gibt es auch hier Probleme wegen bereits erfolgter Abschiebungen oder strafrechtlicher Belange eines Elternteils.

Die US-Regierung hatte ihre Familientrennung am 20. Juni aufgegeben, nachdem es heftige Proteste gegeben hatte. Auf Fotos waren Kinder in Großkäfigen zu sehen, in einer heimlich getätigten Audio-Aufnahme weinten und schrien Kleinkinder, die von ihren Müttern getrennt worden waren. Frauen hatten berichtet, dass Sicherheitsbeamte ihnen die Kinder unter dem Vorwand weggenommen hatten, sie baden zu wollen.

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Nach Ablauf der gesetzlichen Frist ist es der US-Regierung nicht gelungen, alle an der Grenzen getrennten Migrantenfamilien zusammenzuführen. Die Zusammenführungen laufen chaotisch: Die Behörden hatten die Fälle schlecht dokumentiert, Kinder wurden versehentlich in falsche Landesteile geflogen.

Allerdings hatte sich auch die Zusammenführung schwierig gestaltet, weil die Behörden die Fälle schlecht dokumentiert hatten. Teilweise mussten Akten von Hand verglichen oder auf Gentests zurückgegriffen werden, um die Kinder den Eltern zuzuordnen.

Auch in den vergangenen Tagen verlief die Zusammenführung teilweise chaotisch. Anonyme Mitarbeiter der Grenzbehörden berichten davon, dass Kinder versehentlich in falsche Landesteile geflogen wurden. Ein Geschwisterpaar wurde nach New York gebracht, um dort laut ihres Anwalts zu erfahren, dass ihre Mutter womöglich bereits abgeschoben wurde. Aktivisten kritisieren, dass Eltern bereits als "in Freiheit" eingestuft wurden, obwohl sie tagelang in Abschiebeeinrichtungen ohne Kontakt zur Außenwelt auf die Ankunft ihrer Kinder warteten.

Kritik an Abschiebung von Elternteilen

Vor allem aber sorgen die mehr als 400 Fälle für heftige Kritik, in denen die Eltern bereits abgeschoben wurden. Einige Betroffenen werfen den Beamten vor, sie unter falschen Voraussetzungen zur Ausreise nach Mittelamerika überredet zu haben. "Es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit, das diese Eltern ihre Kinder nie wieder sehen", sagte John Sandweg, einst Interimsdirektor der Einwanderungspolizei Immigration Customs Enforcement (ICE).

Diese Abschiebungen und die Tatsache, dass noch nicht alle Familien zusammengeführt wurden, wird für die US-Regierung zunächst keine unmittelbaren Folgen haben. Der zuständige Richter hat die Bereitschaft zur Umsetzung seines Urteils anerkannt.

Am Freitag entscheidet er über den Antrag der Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union (ACLU). Sie fordert eine einwöchige Frist zwischen Familien-Vereinigung und Vollzug der bereits entschiedenen Abschiebungen, damit die Betroffenen ihre Fälle noch einmal überprüfen lassen können.

Das US-Recht erlaubt es Eltern theoretisch, im Falle einer Abschiebung ihr Kind bei Verwandten, Bekannten oder Pflegeeltern in den USA zurückzulassen, damit es ein eigenes Asylverfahren erhält.

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