Familienministerin Schröder und ihre Vorgängerin Immer wieder grüßt die Übermutter

Kristina Schröder stößt zwar etliche Projekte an, traut sich aber zu wenig - das sagen viele in der CDU. Die junge Familienministerin müsste ihre Interessen öfter gegen die Pofallas und Kauders in ihrer Partei durchsetzen. Nur so könnte sie sich von ihrer dauerpräsenten Vorgängerin Ursula von der Leyen absetzen. Immerhin: Erste Schritte einer Emanzipation sind erkennbar.

Von Stefan Braun

Es ist nicht die schönste Stunde, die Kristina Schröder in ihrem Amt erlebt hat. Da mag sie noch so gerne Ministerin sein. Wenn die versammelte Opposition trommelt, wenn Rote und Grüne und Linke genüsslich den eigenen Fehler aufspießen, dann sitzt man ziemlich doof und einsam auf der Bank der Regierung.

Die Vorgängerin immer im Hintergrund: Familienministerin Kristina Schröder (li.) gilt im Vergleich zu Ursula von der Leyen als zu zögerlich und nicht durchsetzungsstark.

(Foto: AFP)

Lachen können in solchen Momenten sowieso nur die Hartgesottenen. Kristina Schröder aber ist nicht mal ein trotziges Lächeln mehr möglich. Stattdessen wirkt sie vor allem beleidigt, was gar nicht gut aussieht. Und dabei ist nicht wirklich ersichtlich, ob sie sich mehr über die Redner am Pult oder vor allem über sich selber ärgert.

Es ist der Freitag der Vorwoche, der Bundestag debattiert über den Nazi-Terror - und weil Schröder ziemlich früh in ihrer Amtszeit Geld gekürzt hat im Budget für den Kampf gegen rechts, steht sie ziemlich blöd da.

Wenige Tage später sitzt sie in ihrem Berliner Büro und haut sich vor Zorn mit der Hand auf den Oberschenkel. "Das ist falsch, das stimmt einfach nicht", schimpft sie in ihr eigenes, sehr aufgeräumtes Büro hinein - als müsste sie einen ganzen Saal von Kritikern überzeugen. Hoch springt ihre Stimme vor Ärger, und für einen kurzen Moment zeigt sie, die sonst so bemüht ist, ruhig und gelassen zu wirken, dass sie sehr sauer ist über die eigene Lage.

Die Sache mit der Tiefenschärfe

Egal, was die Steinmeiers und Künasts da behaupteten, sie habe gar nichts gekürzt, jedenfalls nicht für die Projekte selber. Von den 24 Millionen Euro seien zwei Millionen gestrichen worden, weil der Einsatz der Gelder nicht mehr von einer externen Agentur, sondern vom ehemaligen Bundesamt für Zivildienst koordiniert werde. Für dessen Mitarbeiter habe man neue Aufgaben gesucht - und so auch noch Geld sparen können. Schröder fühlt sich schlecht behandelt. Sie ist wütend - um dann leise einzuräumen, dass es vielleicht ein Fehler war, auf diese Differenzierung zu setzen. Und ihr Sprecher erklärt, es sei leider nicht gelungen, die Tiefenschärfe rüberzubringen.

Tiefenschärfe ist ein gutes Wort. Es hilft, wenn man die Probleme und die Leiden dieser Bundesfamilienministerin beschreiben möchte. Bei genauerem, tieferem Blick hat die 34-Jährige nämlich einiges angestoßen. Sie hat eine Pflegezeit entworfen, den Zivildienst in einen Bundesfreiwilligendienst umgebaut, ein neues Kinderschutzgesetz schreiben lassen, den Boys' Day eingeführt und sich zuletzt eine bessere Unterstützung für kinderlose Paare auf die Fahnen geschrieben.

Deshalb kann man kaum behaupten, dass die Christdemokratin untätig geblieben wäre. Und doch muss sie nach exakt zwei Jahren Amtszeit erkennen, dass das ziemlich wenig ist, um sich von einer Ursula von der Leyen abzusetzen. Aus deren großem Schatten ist sie bis heute nicht rausgekommen. Und das vor allem, weil nicht die Tiefenschärfe Wirbel macht, sondern die großen Schlagzeilen. Und kaum jemand beherrscht das wie von der Leyen, die sich selten ums Kleinklein kümmert, dafür aber umso mehr um die großen Themen. Sie hat mit dem Elterngeld und dem Krippenausbau große Schlagzeilen produziert, die eigenen Leute provoziert und dann beides gegen Widerstand durchgesetzt. Das ist bis heute am stärksten hängengeblieben. Es ist zum Maßstab für alle geworden - selbst wenn das nicht immer gerecht ist.

Schröder nun steckt in einer misslichen Lage. Sie muss von der Leyens Erfolge verteidigen und zugleich zusehen, wie diese Erfolge einen Großteil ihres Budgets auffressen. Die Übermutter überragt sie nicht nur politisch; auch finanziell nimmt sie ihr viel Luft zum Atmen. Da mag Schröder tapfer erklären, dass sie beides für richtig halte. Tatsächlich spürt sie jetzt sehr schmerzhaft, wie wahr geworden ist, was ihr das Kanzleramt zum Amtsantritt erklärte: Dass es für sie kein weiteres Geld geben werde.

Geld freilich ist nicht das einzige Problem, das Schröder das Leben schwermacht. Es ist ihr Bestreben, bei den Mächtigen nicht anzuecken. "Sie hat keinen Mut", beklagen viele Frauen in der Unionsfraktion. "Sie ist nicht genug erkennbar", ärgern sich selbst jene, die die Jüngste im Kabinett eigentlich unterstützen möchten. Es zeigt sich, dass Schröders Bemühen, immer im Rahmen des Machbaren zu bleiben, einen Preis hat. Sie hat den Ruf, dass sie nur tut, was Kanzleramt und Fraktionsspitze möglich erscheinen lassen. Das hilft ihr gegenüber den Pofallas und Kauders. Aber es gibt ihr keine eigene Linie und fördert nicht den Anhang. "Sie bewegt sich immer zwischen Leitplanken, die andere ihr vorgeben", erzählt einer, der seit Jahrzehnten in der Fraktion sitzt. "Von der Leyen schaut immer, wo und wie sie Leitplanken überspringen könnte."

Immerhin, am schmerzhaftesten Punkt im Duell mit der Übermutter, dem Streit um eine Frauenquote, will Schröder nicht klein beigeben. Sie hat registriert, dass von der Leyen ausgerechnet in Schröders Mutterschutz Interviews gab, um für die gesetzliche Quote zu kämpfen, obwohl Schröder die ablehnt. Jetzt will die Junge mit einem selbstbewussten Buch antworten. Es erscheint im Frühjahr, und der Titel klingt nach Fehde-Handschuh: "Danke, emanzipiert sind wir selber."