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Familien:"Zur Improvisation gezwungen"

Forscher haben die vielfältigen Nöte von Eltern in der Corona-Krise untersucht. Darüber hinaus erklärt ihre Studie, was sich alles ändern muss, wenn es zu einer zweiten Infektionswelle kommt.

Von Edeltraud Rattenhuber

Alleinerziehende mit Kind

Schwer vereinbar: Alleinerziehende Mutter mit ihrem 18 Monate alten Sohn im Homeoffice.

(Foto: Andreas Arnold/dpa)

Schule allenfalls im Schichtbetrieb, Kita geschlossen, die Kinder zu Hause, ohne Struktur und Tagesplan, dazu neue Herausforderungen im Beruf oder große Existenzängste wegen Kurzarbeit und drohender Arbeitslosigkeit: Die Corona-Krise hat viele Eltern an den Rand der Verzweiflung gebracht. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden drückt es in seiner Studie zu "Eltern während der Corona-Krise", die am Dienstag vorgestellt wurde, zwar zurückhaltender aus. Es spricht im Untertitel davon, die Eltern seien "zur Improvisation gezwungen" gewesen. Doch sehen die Autoren manche Erkenntnisse, die bereits verfügbare Einzelstudien zu Familien und Corona sowie Mikrozensus, Sozio-oekonomisches Panel und eine Mannheimer Sonderstudie ergeben haben, als so gravierend an, dass sie die Politik dazu aufrufen, die schwierige Situation von Familien bei einer möglichen zweiten Infektionswelle stärker in den Fokus zu nehmen.

So müssten Eltern entlastet werden, durch mehr Flexibilität und mehr Arbeit von zu Hause. Home-Office könne eine Lösung zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie sein, dürfe aber nicht zur Pflicht werden, da vielfach die technischen Voraussetzungen wie gutes Internet oder eine ausreichende Wohnraumgröße fehlten. Bei einer möglichen zweiten Welle müsse überdies "der Betreuung durch Schulen und Kitas eine höhere Priorität eingeräumt werden als zuletzt". Wichtig sei dafür, dass Schulen die digitalen Angebote und Kompetenzen ausweiteten und ihnen eine bessere Ausstattung mit digitaler Technik und Tablets zur Verfügung stünden, ebenso wie zukunftsfähige pädagogische Lehrkonzepte für die digitale Schule. Die weitere Erhöhung der Zahl der Krankentage, und zwar auf partnerschaftlichem Niveau, gehört ebenfalls zu den empfohlenen Maßnahmen. Insgesamt waren laut Studie mehr als 11,1 Millionen Minderjährige von den Kita- und Schulschließungen betroffen. "Dies bedeutete für 6,5 Millionen Elternpaare sowie 1,3 Millionen alleinerziehende Mütter und 180 000 alleinerziehende Väter die Notwendigkeit, sich um Betreuung und Beschulung zu Hause zu kümmern."

Welche langfristigen Folgen die Krise und ihre Bewältigung für die psychische und körperliche Gesundheit, die Beziehungsqualität, die partnerschaftliche Arbeitsteilung oder auch die Geburtenentwicklung haben wird, ist laut Studie derzeit noch nicht absehbar. Das hängt nach Ansicht der Autoren "in hohem Maße auch von den politischen Entscheidungen der nächsten Monate ab", und wie die "Entscheidungsträger in der Arbeitswelt" Eltern in der Bewältigung ihrer vielfältigen Aufgaben unterstützen. Um eine neue Balance von An- und Abwesenheit am Arbeitsplatz zu finden, sei es wichtig, dass diese durch Gesetze und Regelungen der Tarifpartner adäquat begleitet werde. Auch sei der bundesweite Ausbau des Breitbandinternets eine wichtige Voraussetzung, um flächendeckendes Home-Office, auch in ländlichen Gebieten, zu ermöglichen.

"Wie belastend sich die Corona-Krise auf Eltern auswirkt, hängt stark von ihrer Situation ab", sagte Norbert Schneider, der Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung der Süddeutschen Zeitung. Im Home-Office, in Kurzarbeit, in einem systemrelevanten Beruf, arbeitslos oder bedroht von Arbeitslosigkeit? Auch gebe es große Unterschiede zwischen den Geschlechtern. So sei beispielsweise bei Vätern, die im Home-Office arbeiten konnten oder in Kurzarbeit waren, die subjektive Belastung in der Corona-Zeit sogar zurückgegangen. "Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wurde für die Männer einfacher", so Schneider. Bei Müttern dagegen sei gegenüber den Daten aus dem Sozio-oekonomischen Panel 2018 eine erhöhte Belastung festzustellen gewesen, besonders wenn sie in einem systemrelevanten Beruf tätig sind. Schneider weist darauf hin, dass Notbetreuung vielfach nur Kinder bekamen, deren beide Elternteile in einem systemrelevanten Beruf arbeiten. Das seien lediglich 16 Prozent der Eltern gewesen. Die Schulen forderte Schneider auf, größere Anstrengungen zu unternehmen, um Kinder auch in Abwesenheit zu beschulen. Dies vom Engagement und der Motivation der Lehrer abhängig zu machen, sei nicht akzeptabel. Auch in Kitas müsse man sich Alternativen überlegen zur gewohnten Betreuung. Zwar dürfe man in Corona-Zeiten kein Infektionsrisiko eingehen. "Aber die Grundhaltung: Das ist erst einmal die Aufgabe der Eltern, die müssen damit klarkommen", lasse Mütter und Väter allein mit einem Problem, das ja zunächst einmal ein systemisches sei, so Schneider.

Insgesamt nennen die Autoren der Studie die Herausforderung, denen viele Eltern in der Corona-Krise unterworfen waren, "immens". Und loben, dass diese "viel Improvisationsvermögen" gezeigt hätten. Sorge macht ihnen, dass so manche Eltern die Selbstsorge dabei vernachlässigten. Manche seien durch die Doppelbelastung an ihre Leistungsgrenze gekommen. Das gelte vor allem für Alleinerziehende. "Alleinerziehende sind alltagspraktisch und psychisch verschärft von der Corona-Krise betroffen", so die Studie.

Eine Retraditionalisierung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung lässt sich laut der Studie übrigens nicht erkennen - im Gegenteil. Die Beteiligung der Väter sei gewachsen. Vor Corona habe der Anteil der Väter an Familienarbeit bei 33,3 Prozent gelegen, in der Krise sei er auf 41,5 Prozent gestiegen. "Die Aufgabenteilung in der Krise stellt sich egalitärer dar als vor Corona", sagte BiB-Direktor Schneider. Dass die Bereitschaft der Väter zur Hausarbeit nach der Krise wieder sinkt, halten die Autoren der Studie für wahrscheinlich.

© SZ vom 15.07.2020

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