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Familien:Lieber ohne Oma und Opa

Gefreit, gezeugt, gereut

Es ist nur wenige Wochen her, da gab es einen kleinen Babyboom zu feiern: Im vergangenen Jahr haben sich in Deutschland so viele Paare wie lange nicht mehr für Kinder entschieden - 738 000 Babys wurden geboren, seit dem Jahr 2000 waren es nicht mehr so viele. Und nun? Das Meinungsforschungsinstitut YouGov hat am Donnerstag eine Umfrage veröffentlicht, wonach ein Fünftel der deutschen Eltern es bereut, sich für Kinder entschieden zu haben.

Rund 1200 Eltern waren für das Projekt "Regretting Parenthood" (Elternschaft bereuen) befragt worden. Wenn sie die Wahl hätten, würden 20 Prozent sich nicht noch einmal Nachwuchs wünschen, gaben sie an. Über die Hälfte fühlte sich in ihrer "persönlichen Entfaltung" eingeschränkt und noch mehr (55 Prozent) können es nachvollziehen, dass es Mütter gibt, die ihre Mutterschaft bereuen. Im vergangenen Jahr hatte es ja einen wahren Boom an "Regretting Motherhood"-Bekenntnissen in Buchform gegeben. 40 Prozent der Befragten gaben an, sich schon einmal "für die Kinder und die Familie aufgeopfert" zu haben.

Die Hauptgründe für diese Aussagen sind beruflicher Natur: Elternschaft habe negative Auswirkungen auf die eigene Karriere. 54 Prozent der Mütter und 46 Prozent der Väter sehen eine gesellschaftliche Erwartungshaltung gegenüber Müttern, für die Kinder auf die große Karriere zu verzichten. Problematisch erscheint zwei Dritteln hierbei, dass es zu wenig Betreuungsmöglichkeiten gebe. Aber: Der Frust tut der Elternliebe keinen Abbruch. Immerhin 95 Prozent gaben an, ihre Kinder zu lieben. Und drei Viertel bereitetet es dann doch irgendwie "Genugtuung", Mutter oder Vater zu sein. Ulrike Heidenreich

Der Drei-Generationen-Haushalt ist statistisch ein Auslaufmodell. Immer weniger Menschen leben noch in einer Großfamilie. Viele Kinder bleiben den Eltern aber nahe - und Alt und Jung finden neue Formen der Gemeinschaft.

In einer Großfamilie zusammenzuleben - für die einen ist dies ein Wunschtraum, für die anderen eine ziemlich schreckliche Vorstellung. Aber wie oft gibt es das wirklich: Jung und Alt in einem Haushalt? Das Statistische Bundesamt hat am Donnerstag neue Zahlen vorgelegt. Diesen zufolge leben Enkel, Kinder und Großeltern immer seltener unter einem Dach zusammen, zumindest als wirtschaftliche Einheit. Was die Wiesbadener Statistiker noch herausgefunden haben - die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

Großfamilie als Ausnahme

Gerade einmal in 0,5 Prozent aller Haushalte in Deutschland wohnen drei oder mehr Generationen zusammen, wobei diese Lebensform auf dem Land noch etwas weiter verbreitet ist als in städtischen Gebieten. Das ergibt sich aus dem Mikrozensus 2015, für den die statistischen Landesämter ein Prozent der Bevölkerung befragt haben. Die Zahl der Mehrgenerationen-Haushalte ist sogar noch geschrumpft, in den vergangenen 20 Jahren um 40,5 Prozent auf 209 000. Warum das so ist, konnten die Statistiker nicht sagen. Sie warnten aber vor falschen Rückschlüssen: Denn bei den Mehrgenerationen-Haushalten sind Haushalte, in denen Eltern, Kinder und Großeltern in getrennten Wohnungen, aber unter einem Dach zusammenleben, nicht erfasst. Auch würden viele Kinder in der Nähe ihrer Eltern bleiben. "Den überwiegenden Teil der Eltern erreichen Kinder innerhalb von einer Stunde", sagte der Statistiker Tim Hochgürtel.

Jung und Alt in einer Wohnung

Auch wenn der Drei-Generationen-Haushalt statistisch als Auslaufmodell erscheint, sind bei Jung und Alt alternative Wohnmodelle zunehmend gefragt. "Das Mehrgenerationen-Wohnen greift um sich, aber eher nicht in den klassischen Familien", sagt die Soziologin Christine Hannemann von der Uni Stuttgart. Dabei kämen Jüngere und Ältere in Wohnprojekten zusammen, auch um einander zu helfen. Der Anstoß komme dabei von den Älteren, die nicht im Pflegeheim enden wollten. "Es ist die 68er-Generation, die jetzt alt wird", sagt die Wissenschaftlerin. Diese seien offener für alternative Lebensmodelle.

Leben mit Kindern

In etwa 27 Prozent aller Haushalte leben nach Angaben des Statistischen Bundesamts Kinder, in der Regel mit ihren Eltern. In drei von vier dieser Haushalte wohnen Paare mit dem Nachwuchs zusammen. Bei einem Viertel sind es Alleinerziehende, auf die im Durchschnitt 1,4 Kinder kommen. Bei den Paar-Haushalten liegt die Zahl der Kinder mit durchschnittlich 1,7 etwas höher.

Frauen und Arbeit

Wenn Frauen Kinder haben, können oder wollen sie weniger gern ins Büro oder in die Fabrik gehen. 30 Prozent der Mütter mit ledigen Kindern waren 2015 überhaupt nicht erwerbstätig. Fast die Hälfte (46 Prozent) hatte einen Teilzeitjob, knapp ein Viertel einen Vollzeitjob.

Zeit für Kinder

Nach wie vor kümmern sich Frauen häufiger um die Kinder als ihre Partner. 2012/2013 betreuten die Männer den Nachwuchs im Durchschnitt 79 Minuten am Tag. Bei den Frauen waren es 118 Minuten. Spielen und Sport stehen ganz oben auf der Liste, noch weit vor der Hilfe bei den Hausaufgaben oder dem Vorlesen.

Hürden bei der Bildung

In ihrer Untersuchung gingen die Statistiker auch der Frage nach, wie gut die Chancen von Generation zu Generation sind, eine bessere Bildung zu erlangen. Das Ergebnis für Deutschland ist ernüchternd: "Bildungsmobilität ist kaum gegeben", sagt der Präsident der Behörde, Dieter Sarreither. So hatten im Jahr 2011 42 Prozent der 25- bis 59-Jährigen mit niedrigem Bildungsabschluss auch Eltern mit entsprechenden geringen Qualifikationen. Bei den Hochgebildeten kamen nur sechs Prozent aus einem niedrig gebildeten Elternhaus. Das war laut Sarreither "EU-weit der niedrigste Anteil". Zugleich hatte die Hälfte derjenigen mit hohen Bildungsabschluss auch Eltern mit hohem Bildungsabschluss.

Altersunterschied bei Paaren

Auch wenn sich die Berichte über solche Ehen und Partnerschaften häufen mögen: Bei nur 0,7 Prozent der Ehepaare oder heterosexuellen nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften beträgt der Altersunterschied zwischen den Partnern mindestens 20 Jahre. Bei diesen 144 000 intergenerationalen Paaren war in neun von zehn Fällen der Mann älter. Der Anteil dieser Partnerschaften hat sich seit 2005 nicht verändert.

© SZ vom 29.07.2016

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