Falscher KZ-Überlebender Enric Marco Typischer Repräsentant der mediokren Nachkriegszeit Spaniens

Seine Antworten waren rhetorisch geschliffen und analytisch, während Interviews mit den anderen alten Kämpen oft mühsam und langatmig waren. "Marco klang authentischer als die echten Deportierten", schreibt Cercas. So sei dieser Mann zum Liebling der Presse, zum "Champion", ja zum "Rockstar", der Memoria historica aufgestiegen.

Was es ihm leicht machte, war, dass in Spanien, das im Weltkrieg ja neutral gewesen war, sehr wenig Wissen über den Holocaust kursiert. Mit Nazi-Verfolgung waren eigentlich nur jene Spanier in Berührung gekommen, die in Frankreich in der Résistance gekämpft hatten.

Die Beweggründe dieses Menschen, der mit einer "monumentalen Lüge" lebt, findet Cercas in Marcos Biografie: seine Mutter lebte in einer Nervenheilanstalt, kindliche Vernachlässigung kann zu Narzissmus führen. Doch Cercas, wie immer gnadenloser Chronist der Verirrungen seines eigenen Landes, geht mehrere Schritte weiter. Er beschreibt Marco am Ende als typischen Repräsentanten der mediokren spanischen Nachkriegszeit.

Der Kampf ist vorbei, der Terror dauert an

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War sein Schicksal nicht exemplarisch für viele, die sich mit listigem Unterschleif durch die dunklen Jahren wurstelten, um sich nach deren Ende eine opportunistische Opferbiografie zusammenzubasteln und die eigene Feigheit während der Diktatur zu verschleiern? In seiner Rolle als KZ-Überlebender sei Marco dann die "Verkörperung des historischen Kitschs" und der Instrumentalisierung durch die Linke gewesen, zu der die Memoria historica nach dem Jahr 2000 verkommen sei. Marco, so urteilt Cercas, "war die Mehrheit der Spanier".

Rechtfertigung der "noblen Lüge"

Dazu passt, dass Marco irgendwann den Spieß umdreht. Er wirft Cercas vor, selber ein Hochstapler zu sein, schließlich habe er die "Industrie der Memorica historica" ja selber ausgelöst durch seinen 2001 erschienen Roman "Soldaten von Salamis". Darin lässt Cercas einen fiktiven Veteranen des spanischen Bürgerkriegs auftreten, der aber so authentisch wirkt, dass man ihn für real hält.

Hat Cercas also selbst den Boden bereitet für einen Mann wie Marco? Immerhin muss Cercas zugeben, eine ähnliche Absicht verfolgt zu haben: nämlich durch eine erfundene Geschichte das Interesse an der echten Geschichte zu wecken - und genau so lautete die Rechtfertigung des Hochstaplers Marco für seine "noble Lüge".

Letztlich ist der Versuch, Marcos Motive nachzuzeichnen, um eine moralische Frage herumkonstruiert: heißt verstehen auch rechtfertigen? Der Autor beantwortet diese abschlägig: man müsse verstehen wollen, nur dann könne man verhindern, dass sich ein Fall Marco wiederhole - oder vielleicht sogar die Geschichte, für die er bis zu seiner Enttarnung gestanden hat.

Javier Cercas: Der falsche Überlebende. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 496 Seiten, 24 Euro, E-Book: 19,99 Euro

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