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Falsche Terrorgeständnisse:"Ich habe mir das wirklich alles ausgedacht"

Dass nun der angebliche Chef der Düsseldorfer Terrorzelle Saleh A. eine windige Gestalt ist, war den Ermittlern schon in Paris im Februar 2016 aufgefallen. In den ersten Tagen erzählte er ausgiebig, wie und wo der Anschlag in Düsseldorf habe stattfinden sollen, wer ihn in Syrien beauftragt habe und wer Teil seiner Gruppe sei. Als er bemerkte, dass er aufgrund seiner Aussagen nicht etwa zuvorkommend behandelt wurde, sondern in Untersuchungshaft kam, wirkte er überrascht.

Er wollte nicht weiterreden und verlangte, den deutschen Behörden übergeben zu werden. Außerdem hatte er plötzlich eine andere Erklärung dafür, warum er sich gestellt habe. Erst hatte er angegeben, dass seine Tochter ihn nicht als Terroristen in Erinnerung behalten solle. Reue also. Später sagte Saleh A., er habe überhaupt nie vorgehabt, einen Anschlag zu begehen, er habe den Auftrag vom IS in Syrien nur zum Schein angenommen.

Saleh A. stellte sich geschickt an, er zeigte Videos von Kämpfen in Syrien, an denen er auf Seiten der Islamisten teilgenommen habe, der Islamismusforscher Guido Steinberg bestätigte als Gutachter, dass die Angaben über die Kämpfe stimmten. Saleh A. nannte Kampfgenossen, die wie er als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen waren. Dankbar nahmen die Ermittler das auf. Mehr als zwei Dutzend Verfahren sind so entstanden. Neun dieser Personen sind schon angeklagt worden.

Der Mann lieferte sogar den Namen des angeblichen Drahtziehers

In solche überprüfbaren Informationen wob Saleh A. die Erzählung ein, die ihn zu einem wertvollen Terror-Kronzeugen machen sollte: Auf einer Karte der Düsseldorfer Altstadt malte er zielsicher die Punkte auf, an denen seine Männer stehen sollten. Auch lieferte er den Namen des angeblichen Drahtziehers, eines Syrers, der in einem Flüchtlingswohnheim in den Niederlanden lebt. Die dortigen Behörden überwachten den Mann daraufhin monatelang, die Ergebnisse waren aber "gleich null", sagt ein deutscher Ermittler.

Im besonders gesicherten Gerichtssaal in Düsseldorf wurde Saleh A. wütend, als die Richterin ihn mit Zweifeln an dem angeblichen Terrorkomplott konfrontierte. "Ich bin besser als Sie und Ihr ganzes Volk!" Danach gab er sich gekränkt, verlangte mehr Wertschätzung dafür, dass er ausgepackt habe. Wie ein Held wolle er zwar nicht behandelt werden, aber eine Wohnung oder ein Haus als Gegenleistung, das habe er sich schon erhofft. Und dass er seine Familie aus Syrien nachholen könne. Die Ermittler in Frankreich hätten ihm das auch in Aussicht gestellt.

Grundsätzlich sei es normal, wenn Kronzeugen sich selbst belasten, sagt Oliver Huth vom Bund Deutscher Kriminalbeamter. "Das spricht auch oft für den Wahrheitsgehalt." Allerdings sei es "oft so, dass Täter insbesondere aus anderen Kulturkreisen" erst spät erkennen würden, dass das deutsche Recht auch einem Kronzeugen nicht alles verzeiht.

Saleh A. grinst, als der Richter, der inzwischen den Prozess leitet, ihn fragt: "Wurde denn damals in Syrien überhaupt über Anschlagspläne in Europa geredet?" Er schüttelt den Kopf. "Nein, ich habe mir das wirklich alles ausgedacht. Ich habe alle möglichen Dinge, die stimmten, so zusammengebaut, dass man mir glaubt." Seine beiden Mitangeklagten wegen des Anschlagsplans, Mahmoud B. und Hamza C., sind inzwischen freigesprochen. Saleh A. könnte noch verurteilt werden, aber nur noch wegen seiner Zeit beim IS in Syrien.

Ob er dorthin zurückkehren wolle, fragt ihn der Richter an einem der letzten Verhandlungstage. "Nein", antwortet Saleh A. ohne zu zögern, "das ist ausgeschlossen. Im Gegenteil, ich werde alles tun, um meine Familie hierher zu holen." Warum er dann all diese Geschichten erfunden habe, fragt der Richter weiter. "Um die Informationen über all die bösen Leute loszuwerden, die von Syrien hier nach Deutschland gekommen sind." Es wirkt nicht so, als ob ihm jemand im Saal in diesem Moment noch glaubt.

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