Mit den Urteilen gegen die Hauptangeklagten ist der in Lügde geschehene massenhafte sexuelle Missbrauch von Kindern strafrechtlich erledigt, vorerst. Zu klären bleibt, inwieweit womöglich behördlicher Gleichmut dazu beigetragen hat, dass das unerhörte Treiben auf einem Provinz-Campingplatz nicht früher gestoppt wurde. Hinweise lagen vor, Akten waren angelegt, Namen auf dem Radar. Konsequenzen gab es nie.
Während sie geschahen, die Taten von Lügde, war ihr Ausmaß nicht erkennbar. Ja, der Haupttäter Andreas V. stand ab und zu im Verdacht, einem Kind näher zu kommen, als es ein netter Onkel tun sollte. Doch die Behörden zögerten. Solche Einzelfälle aber machen gerade die wahre Dimension des sexuellen Missbrauchs von Kindern aus: Er ist alltäglich. In jeder Schulkasse sitzen statistisch betrachtet ein bis zwei Kinder, die solche Erfahrungen machen mussten.
All diese Fälle zusammen sind Tausende Mal größer als Lügde. Sie zu erkennen, schützt Kinder. Dazu müssen diese von Lehrern beobachtet werden, die Missbrauchsanzeichen deuten können. Sozialarbeiter in Jugendämtern müssen sicher urteilen und sich trauen, konsequent zu handeln. Um die Polizei einzuschalten, darf nicht Mut erforderlich sein, sondern fachliche Überzeugung. Solche Fachkräfte gibt es zu wenige.