Fall Linda W. Eine gute Schülerin, im Stillen radikalisiert

In Pulsnitz bei Dresden wartet Lindas 29 Jahre alte Schwester Miriam auf einen Anruf, sie bittet die Reporter, die Verbindung herzustellen. Die letzte Nachricht kam Ende Januar aus Mossul. Wie so viele Mädchen in Deutschland und anderswo hatte sich Linda W., gute Schülerin, Notendurchschnitt 2,1, Drittbeste ihrer Klasse mit einer Vorliebe für Mathe, Chemie und Physik, im Stillen radikalisiert. Statt Rap hörte sie plötzlich arabische Musik, schließlich trug sie ein Kopftuch.

Am 1. Juli 2016 verabschiedete sie sich von der Familie mit einer Lüge: Sie schlafe bei einer Freundin, "ich bin am Sonntag um 16 Uhr wieder da". Stattdessen fälschte sie eine Bankvollmacht und kaufte ein Ticket nach Istanbul. Linda W. verschwand - wie so viele andere junge Mädchen auch. Der IS warb Mädchen wie Linda W. gezielt über das Internet an, Halbwüchsige, die der schlichten Logik erlagen, in Syrien und dem Irak entstehe ein wahrer islamischer Staat, den es nun zu unterstützen gelte. Wenn nicht mit Waffen, dann um als Braut eines Dschihadisten die nächste Generation des Kalifats zu gebären.

Im Internet wird für das Leben im Kalifat geworben. In geschlossenen Chatgruppen wird vom Kampf der "Löwen des Dschihad" gegen den Bombenhagel der Ungläubigen schwadroniert. Dann geht es um leckere Rezepte im Kalifat. Frauen berichten, wie sie ihre Männer in deren Kampf als treu ergebene Ehefrauen unterstützten. Dschihad rosarot. Auch Linda W. hatte sich in den Bann ziehen lassen. Jetzt, da sie in Bagdad in Haft sitzt, macht sie den Eindruck, als habe sie verstanden, in welche Situation sie sich gebracht hat.

Der 16-Jährigen drohen mehrere Jahre Haft

Während über das Telefonat mit der Schwester verhandelt wird, beginnt Linda W. ihre Geschichte zu erzählen. Sie habe damals einen Monat gebraucht, in den Irak zu kommen, eigentlich habe sie gar nicht nach Mossul gewollt, sie sei dorthin "verfrachtet" worden. Ihr Mann, ein IS-Kämpfer, sei schon kurz nach ihrer Ankunft getötet worden. Sie sei bereit auszusagen. Der Staatsanwalt sagt: "Schon für den illegalen Grenzübertritt sieht unser Jugendstrafrecht bis zu dreieinhalb Jahre Haft vor."

Linda W. sitzt ganz still auf ihrem Stuhl, in einem Bett am Rand des Zimmers liegt eine weitere Tschetschenin, sie ist am Rücken verletzt. Man will Linda W. so viel fragen: Stimmen die über Twitter verbreiteten Gerüchte, dass sie mit einem Scharfschützen-Gewehr bewaffnet war? War sie eine Kämpferin des IS? Was weiß sie über das Schicksal der vielen anderen Deutschen, die in Mossul lebten? Die Franzosen haben eigens Spezialkräfte nach Mossul geschickt, die herausfinden sollen, welche ihrer Staatsbürger bei den Kämpfen in der Stadt getötet wurden. Sie fotografieren Leichen und nehmen DNA-Proben. Wer tot ist, von dem droht keine Gefahr mehr.

"Das kriegen wir schon hin. Hauptsache, sie lebt"

Dann öffnet sich die Tür und ein Offizier der Goldenen Brigade tritt ein. Heute werde es kein Telefonat mit der Schwester mehr geben. Und jetzt sei die Besuchszeit abgelaufen. Vielleicht könne man Linda W. an einem anderen Tag noch einmal besuchen. Aber dazu kommt es ohne Angabe von Gründen nicht.

Miriam, die Schwester, weiß schon seit den ersten Fotos bei Twitter, dass Linda Linda ist. Nun sitzt sie zu Hause in Sachsen und versteckt sich vor den vielen Reportern, die draußen vor der Tür stehen. "Ich freue mich, dass sie lebt", sagt sie zu NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung. Andere betroffene Familien hätten nicht solches Glück. Nun hoffe sie, sagt Miriam, ihre kleine Schwester bald wieder in Deutschland zu haben, auch wenn es hier Ermittlungen gibt wegen des Vorwurfes, Linda W. habe eine schwere staatsgefährdende Gewalttat vorbereitet. "Das steht für mich jetzt nicht an erster Stelle. Hauptsache sie lebt."

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