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Fall Kiesewetter im NSU-Prozess:"Mir hat es mein Herz zerrissen"

Der Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter gibt weiter Rätsel auf.

Michèle Kiesewetter hatte beim Mordanschlag der NSU-Terroristen in Heilbronn keine Chance

(Foto: Norbert Försterling/dpa)

Polizistin Michèle Kiesewetter war 22 Jahre alt, als sie starb. Ihr Kollege Martin A. hat den Mordanschlag der NSU-Terroristen in Heilbronn überlebt. Trotz der Kugel in seinem Kopf. Nun sagt er als Zeuge aus.

Man sieht diesen Platz im Sonnenlicht, gleich neben dem Neckarkanal. Man sieht das Trafohäuschen, in dessen Schatten Michèle Kiesewetter und ihr Kollege Martin A. Pause machten. Man sieht ihr Dienstauto. Man sieht ihre Diensthemden, ihre Holster, die Türschwelle ihres Autos. Alles voller Blut. Nur die Opfer selbst sieht man nicht. Als der Kriminaltechniker mit seinen Lichtbildern an dem Punkt angelangt ist, wo nun auch die Leiche der jungen Polizistin ins Bild käme und der Körper ihres schwerverletzten Kollegen, da sagt der Richter: "Das überspringen wir."

Der NSU-Prozess ist bei der zehnten, der letzten Mordtat angekommen. Dem Überfall auf eine Polizeistreife, die mit ihrem Dienstauto am hellichten Tag auf einem völlig einsehbaren, belebten Parkplatz in Heilbronn am Neckar stand. Auf einem Platz, auf dem gerade ein Volksfest aufgebaut wurde. Und auf dem die Polizisten an diesem sehr warmen Apriltag im Jahr 2007 Mittagspause machen wollten. Sie hatten die Türen ihres Dienstwagens aufgemacht und die Fenster runtergekurbelt, als von hinten zwei Männer an sie heran traten.

Michèle Kiesewetter war 22 Jahre alt, als sie starb. Ihr Kollege Martin A. hat überlebt. Trotz der Kugel in seinem Kopf. Das grenzt an ein Wunder. Er hat nicht nur überlebt, er hat sich zurückgekämpft ins Leben, hat den Aufstieg vom Polizeiobermeister zum gehobenen Dienst hingekriegt. Er hat studiert. Danach. Und nun steht er im Gericht, ein Mann von 31 Jahren, dessen erstes Leben vor knapp sieben Jahren zusammenbrach. Einer, dessen Kindheitstraum es war, Polizist zu sein. Draußen auf Streife. Er wird nie wieder Streife gehen. "Ich war zwar Polizist, aber nur im Innendienst. Mir hat es mein Herz zerrissen", sagt er.

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"Was haben Sie noch in Erinnerung?," fragt Richter Manfred Götzl. "Eigentlich nur noch, dass wir auf den Schotterplatz raufgefahren sind. Alles andere habe ich mir rekonstruiert." Martin A. spricht schnell, hastig, er ist aufgeregt. Aber seine Sätze sind klar, stringent, ausdrucksstark. Er ist ein Mann, der in schweren Jahren gelernt hat, seine Gefühle, seine Ängste in Worte zu fassen. Ihm fehlen zehn Minuten seines Lebens. In diesen zehn Minuten sollen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt den beiden Polizisten in den Kopf geschossen haben.

"Ich bin in Tränen ausgebrochen"

"Was wissen Sie von Ihrem Krankenhausaufenthalt?", fragt Götzl. "Ich dachte, ich lag sieben Wochen im Koma. Ich lag aber nur viereinhalb Wochen. Als ich aufwachte, wusste ich nicht, was ich da soll. Ich hab mir alles rausgerissen, die Kanülen, die Schläuche, ich dachte, das ist ein Scherz meiner Kollegen von der Polizei. Die trainieren sehr praxisnah. Ich bin dann sofort wieder umgefallen."

Tage später war dann seine Mutter am Krankenbett, man erzählte ihm, er habe einen Unfall gehabt. Er durfte in keinen Spiegel sehen. Selbst der kleine Spiegel im Bad des Krankenzimmers war abmontiert. Und dann kamen irgendwann Angehörige der Soko Parkplatz, die im Mordfall Kiesewetter ermittelten, zu ihm. "Ich hab' gefragt, ob ich der Einzige bin, der angeschossen worden ist. Da haben sie mir gesagt, dass Michèle nicht mehr da ist. Ich bin in Tränen ausgebrochen und hab dem Kollegen in den Bauch geboxt, und dachte, ich werde auf den Arm genommen."

Der junge Polizist hat Operationen hinter sich, die man sich kaum vorstellen kann. Muskeln wurden ihm vom Schenkel in den Kopf versetzt. Immer noch steckt ein Geschoßteil im Kopf, es ist nicht zu entfernen. Und ein Teil seines Kopfes bleibt ungeschützt, der Knochen wächst nicht nach. Danach hat er sich jahrelang mit dem Studium selbst betäubt, erst danach brach das Trauma über ihn herein, erst danach kamen die schlaflosen Nächte. Doch er lebt. Seine Kollegin ist tot.

Beate Zschäpe sitzt regungslos.