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Paneuropäisches Picknick 1989:"Die ursprüngliche Idee war nicht, die große Fluchtwelle zu organisieren"

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Fotos des Paneuropäischen Picknicks 1989.

(Foto: AFP)

Das Paneuropäische Picknick an der österreich-ungarischen Grenze bei Sopron gilt vielen als Coup, der den Niedergang des Kommunismus symbolisiert. Mitorganisatorin Walburga Habsburg Douglas erinnert sich.

Walburga Habsburg Douglas (50), die jüngste Tochter Otto von Habsburgs, vertrat ihren Vater am 19. August 1989 beim Paneuropäischen Picknick an der ungarisch-österreichischen Grenze. Das Ergebnis dieses harmlos klingenden Festes war die größte Flüchtlingswelle von DDR-Bürgern seit dem Bau der Berliner Mauer. Habsburg Douglas lebt seit 1992 mit ihrem Ehemann, dem schwedischen Grafen Archibald Douglas, auf Schloss Ekensholm bei Malmköping. Die Juristin ist Abgeordnete im Schwedischen Reichstag.

sueddeutsche.de: Mit einem Picknick verbinden viele Menschen etwas sehr Entspanntes - einen Ausflug ins Grüne. Welche Atmosphäre haben Sie beim Paneuropäischen Picknick gespürt?

Walburga Habsburg Douglas: Die Menschen waren unheimlich angespannt und wahnsinnig erwartungsvoll. Niemand wusste vorher, was genau passieren würde. Aber im Sommer 1989 hatte sich der Kessel hinter dem Eisernen Vorhang dermaßen aufgeheizt, da war ein enormer Druck, der irgendwie entweichen musste. Das Picknick hat sich da als ideales Ventil angeboten.

Walburga Habsburg Douglas war vor 20 Jahren Generalsekretärin der Paneuropa-Union.

(Foto: Foto: dpa)

sueddeutsche.de: Was hatten Sie sich von dem Picknick erhofft?

Habsburg Douglas: Ich war damals gerade 30 und Generalsekretärin der Paneuropa-Union. Unser Ziel war es, Europa wiederzuvereinen, die Grenzen abzubauen. Mein Vater hatte mich gebeten, bei dem Picknick eine Rede auf Ungarisch zu halten. Da war ich extrem aufgeregt, das wollte ich nicht vergeigen. Zuvor hatte ich mit vielen Menschen in Budapest und am Plattensee gesprochen. Die Campingplätze waren ja übervölkert mit Menschen aus der DDR. Viele haben auf einen Spalt im Eisernen Vorhang gehofft. Und wir haben gesagt: Die Grenze nach Österreich ist am 19. August für ein paar Stunden offen, wir feiern ein Picknick für die Freiheit! Ich habe aber nicht erwartet, dass es die größte Flüchtlingswelle seit dem Bau der Berliner Mauer auslöst. Daran war nicht zu denken.

sueddeutsche.de: Auf Einladungen zu dem Picknick riefen die Veranstalter des Picknicks - die Paneuropa-Union und ungarische Oppositionelle - ihre Gäste dazu auf, den Grenzzaun eigenhändig einzureißen...

Habsburg Douglas: Wir waren ja nicht die ersten! Fast zwei Monate davor hatten ja schon die Außenminister von Ungarn und Österreich am Zaun rumgeschnitten. Da haben wir gedacht: Das können wir auch. Und wir haben die Erlaubnis dafür bekommen, das symbolisch zu machen.

sueddeutsche.de: Sie haben die Menschen also direkt zur Flucht aufgerufen?

Habsburg Douglas: Das würde ich nicht so sagen. Die ursprüngliche Idee war nicht, die große Fluchtwelle zu organisieren. Mein Vater und die Leute des Demokratischen Forums in Ungarn planten das Picknick schon ab Anfang Juni. Sie wollten den Ungarn klar machen, wie wichtig Europa ist und ihnen einen Weg zeigen, wie sie näher an Europa heranrücken können. Die Grenze sollte für ein paar Stunden offen sein. Ungarn und Österreicher sollten sich treffen, ein Glas Wein gemeinsam trinken, Bratwürste essen, ein paar Ansprachen hören.

sueddeutsche.de: Die Ereignisse an der Grenze haben sich dann aber überstürzt. Wie haben Sie den 19. August erlebt?

Habsburg Douglas: Es war ein wahnsinnig heißer Sommertag. Als wir von einer Pressekonferenz zum Picknick gingen, war ich sehr erstaunt, dass fast keine Ungarn da waren. Dafür aber eine große Masse von Menschen aus der DDR um uns herum. Es war ein richtiger Pulk, der immer schneller zur Grenze hindrängte. Am Straßenrand blieb eine riesige Trabbi-Schlange zurück. Die Leute nahmen nur mit, was sie tragen konnten.

sueddeutsche.de: Können Sie sich an hektische oder gar panische Momente an der Grenze erinnern?

Habsburg Douglas: Es ist seltsam, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass die Leute Angst hatten. Sie waren nur unglaublich erwartungsvoll. Und sie haben sich ihre Freiheit einfach genommen. Ich habe an der Grenze mit ungarischen Soldaten gesprochen, auch die waren nicht unglücklich. Sie hatten einfach weggeschaut. Sie wussten: Die Menschenmasse war nicht aufzuhalten. Als ich an der Grenze ankam, war das Tor schon aufgestoßen, viele Menschen aus der DDR waren schon auf österreichischem Boden. Wie viele es insgesamt waren, kann wohl niemand genau sagen. Ich schätze: Zwischen 500 und 1000.

sueddeutsche.de: Hatten Sie nicht irgendwann das Gefühl, dass die Situation kippen könnte?

Habsburg Douglas: Ich dachte nie, dass es ein Blutbad geben könnte. Ich hatte nicht das Gefühl: Um Gottes Willen, es könnte was schief gehen, die Grenzsoldaten schießen. Dass es die Leute geschafft haben, das Grenztor aufzustoßen, war unglaublich. Man kommt einfach raus und es gibt niemanden mehr, der einen bremst. Fantastisch! Wir haben dann später schon noch unsere Reden gehalten und natürlich auch gepicknickt - Wein getrunken und Würstchen gegessen.

sueddeutsche.de: Wann und wie ist Ihnen die historische Tragweite des Paneuropäischen Picknicks bewusst geworden?

Habsburg Douglas: Ich habe nach dem Picknick im Autoradio Radio Moskau gefunden. Und da habe ich das berühmte Interview mit Erich Honecker gehört, wo er gesagt hat, mein Vater hätte die Leute mit Geschenken, Essen und D-Mark über die Grenze gelockt und so einen Quatsch. Da habe ich gedacht: Wenn der sich so aufregt, dann muss das wirklich ein bedeutendes Ereignis gewesen sein. Wenn dieser Mensch sich so ärgert, haben wir alles richtig gemacht.

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