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Fall Anis Amri:Die V-Mann-Hypothese

Die zweite Arbeitshypothese mancher Aufklärer bezieht sich auf einen V-Mann des Düsseldorfer Landeskriminalamts (LKA). Der Verdacht: Er könnte Anis Amri zu seiner Tat angestachelt haben. Es gilt als Meisterstück der nordrhein-westfälischen Staatsschützer, dass sie in der salafistischen Szene um den Prediger Abu Walaa einen Spitzel platzieren konnten, also in dem Kreis, in dem auch Amri verkehrte. Ein Sicherheitsmann sagt noch heute: "Er ist es, der uns überhaupt auf Amri aufmerksam gemacht hat." Doch so wuchert seither auch ein Verdacht; wie immer, wenn ein V-Mann länger im Einsatz war.

Ein Deutschtürke, etwas übergewichtig, Anfang 40: Hat der Mann, der sich "Murat" nannte und der in den Unterlagen des LKA den Namen VP-01 trägt, Anis Amri in dessen Radikalität bestärkt? Amri hatte mehrmals angekündigt, dass er Ungläubige töten wolle. "Murat" war nah an ihm dran. Er soll gefragt haben, wer denn nun zu "Aktionen" bereit sei, und angeblich auch vorgeschlagen haben, Sturmgewehre zu kaufen für bis zu 15 000 Euro.

Die Vorwürfe gegen "Murat", den angeblichen Agitator, kommen nicht von Unbeteiligten, dieser Kontext ist wichtig. Sie kommen von Islamisten, die selbst wegen Terror-Vorwürfen im Verdacht stehen. Sie sind sich, vermittelt durch ihre Verteidiger, bemerkenswert einig darin, mit dem Finger auf "Murat" zu zeigen. Keine Figur wird so innig verachtet wie der Spitzel.

Gleich als "Murat" aufflog, rief die islamistische Szene unter #FangDenSpion zur Jagd auf. Einer lobte ein Kopfgeld aus: "200 Euro für jeden Stich". Es kommt nicht ganz überraschend, dass in dieser Szene manche dafür zu haben waren, den Maulwurf als Hauptschuldigen hinzustellen, möglicherweise um ihre eigene Schuld bei ihm abzuladen. Solche Behauptungen sind mit Vorsicht zu genießen. Einerseits.

Ein Spitzel soll nur mitschwimmen

Andererseits wäre "Murat" nicht der erste V-Mann, der seine Grenzen überschritten hätte. Die gesetzlichen Regeln für V-Leute sind eigentlich klar. Ein V-Mann soll nur mitschwimmen im Strom der anderen. Er darf sie nicht noch antreiben. Dazwischen liegt oft ein schmaler Grat. Das Risiko kannten die Beamten in Nordrhein-Westfalen, die ihn "geführt" haben.

Von "Murat" selbst gibt es bloß eine formelhafte Aussage: "Ich habe mich absprachegemäß immer als anschlagsbereit dargestellt", so lautet der Satz, den er beim LKA hat notieren lassen. Die Beamten dort haben ihn am 16. Februar 2017 einbestellt. "Anschlagsbereit", das habe er sein müssen, um in mögliche Planungen einbezogen zu werden. In jedem Fall bleibt das grundsätzliche Dilemma, wie bei jedem V-Mann-Einsatz: Kann der Staat wirklich erwarten, dass so ein Maulwurf nur passiv mitschwimmt? Allein schon, indem er die Gruppe größer und selbstbewusster macht, bestärkt er sie ja auch.

Der Attentäter Amri wusste andererseits schon drei Monate vor seinem Anschlag, dass "Murat" ein Spitzel gewesen war. "Ich möchte euch heute über einen Spion berichten, der seine Religion für ein paar Euro verkauft hat", sagte der Kopf von Amris Gruppe, Abu Walaa, in einer Audiobotschaft, die er am 16. September 2016 an seine Anhänger verschickte.

© SZ vom 12.12.2017/dit
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