Fake News Irgendetwas wird schon dran sein

Alles erscheint heute möglich, und sei es noch so absurd. Susan Neiman seziert das Phänomen des Postfaktischen.

Von Wolfgang Freund

Eine für diese leicht chaotischen Zeiten bezeichnende "postfaktische" Nachricht könnte lauten, dass das saudi-arabische Justizministerium sich derzeit darum bemühe, in Frankreich oder Deutschland 50 klappbare und leicht in getarnten Kastenwägen transportable Guillotinen zu ordern, um damit das landeseigene Hinrichtungswesen zu modernisieren, also zu beschleunigen; denn in den saudischen Gefängnissen schmoren Hunderte Verurteilte ihrer Enthauptung entgegen. Doch mit dem Schwert allein, so wie bisher, schaffen die örtlich bestallten Scharfrichter das ihnen anvertraute Vollstreckungspensum nicht mehr. Zu viele Köpfe müssen rollen.

So eine News ginge flugs um den Erdball und würde von Abermillionen, wenn nicht Milliarden Menschen wie ein Löffel Honig geschluckt, auch wenn sie in dieser Form einfach nicht stimmen kann. "Postfaktisch" ist jedoch heute vieles möglich, sogar das Unmögliche. Netzwerke wie Facebook, Twitter oder auch Massenmedien besorgen das.

Solchem Irrsinn - das eben "idealtypisch" gewählte "Beispiel" stammt natürlich nicht von der hier vorgestellten Buchautorin - steuert die US-amerikanische Philosophin Susan Neiman entgegen. Sie stammt aus New York, leitet aber seit 2000, nach Lehrtätigkeiten an amerikanischen und israelischen Hochschulen, das in Potsdam angesiedelte Einstein-Forum. Die deutsche Sprache handhabt sie wie eine muttersprachlich Deutsche, in diesem Falle hervorragend. Man legt den Essay erst aus der Hand, wenn man ihn bis zur letzten Zeile gelesen hat.

Der Rundumschlag auf diesen wenigen Seiten ist gewaltig. Es geht von "glatten Lügen" über "Armut und Rassismus", "Gerechte Geschichtsbilder", "Postfaktisches Denken auf hohem Niveau" bis zu "Glück im Unglück?". Susan Neiman kämpft gegen "Geschichtsvergessenheit", wie sie das nennt, also unsere fatale, durch Massenmedien und jetzt auch soziale Netzwerke gesteuerte Neigung, alles skandalöse Tagesgeschehen wie Dschihadismus, Brexit oder Donald Trump nur aus dem Heute und Jetzt erklären zu wollen, während die wirklichen Gründe tief in unserem kollektiven historischen Denken und Fühlen festgemacht sind. Schönes Zitat aus dem 18. Jahrhundert, um die damals schon feststellbare Reisefreudigkeit der Europäer zu verdeutlichen: "Die Europäer reisten, um Jean-Jacques Rousseau von 1754 zu zitieren, nicht, um ihre Köpfe, sondern ihre Taschen zu füllen ..." Man muss solche Verschüttungen freischaufeln und zu Rate ziehen, eine Art Archäologie des Denkens betreiben, um das Postfaktische durch Neofaktisches ersetzen zu können.

Beim Freischaufeln zeigt sich gegenüber Postfaktischem dann auch eine Besonderheit, die sich sehr gut mit nochmaligem Rückgriff auf die "Eingangssatire" mit den fahrbaren Klappguillotinen illustrieren lässt; denn diese wäre in der Tat zeittypische Fake News hinter der Maske der sozialen Netzwerke. Charakteristikum: Irgendetwas an der Falschmeldung muss auch "stimmen", wie etwa der Fakt, dass tatsächlich Hunderte Verurteilte in saudi-arabischen Todeszellen auf ihre Enthauptung warten (müssen). Und eine weitere "Gewissheit" im zweiten Grade: Frankreich und Deutschland liefern Saudi-Arabien zwar keine Mobil-Guillotinen und werden es wohl auch in Zukunft nicht tun, dafür aber mörderisches Kriegszeug, mit dem die Saudis inzwischen ihre gesamte Nachbarschaft in Schach halten oder aktiv bedrohen, ganz besonders Jemen, das sie systematisch in Stücke hauen, also hochtechnologisch "enthaupten".

Würde hier die "postfaktische" Lüge plötzlich hintergründig stimmig? Man sollte fragen dürfen.

Susan Neiman: Widerstand der Vernunft. Ein Manifest in postfaktischen Zeiten. Ecowin Verlag Salzburg-München 2017. 80 Seiten. 8 Euro, E-Book: 3,99 Euro.

Wolfgang Freund ist deutsch-französischer Sozialwissenschaftler (Schwerpunkt "Mittelmeerkulturen"). Zahlreiche Publikationen auf Deutsch, Französisch und Englisch. Lebt in Südfrankreich.