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Failed States Index 2011:Wie Staaten zerbrechen

Die Hungerkatastrophe in Somalia trifft ein Land, das schon seit Jahren die Liste der "Failed States", der gescheiterten Staaten, anführt. Doch es gibt viele weitere Staaten, in denen Politik, Wirtschaft, Gesundheits- und Sozialsysteme nicht funktionieren. Der jährliche Index des Fund for Peace zeigt auch, wie schnell und überraschend ein System zusammenbrechen kann.

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Quelle: fundforpeace.org

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Tiefrot - so sind auf dieser Grafik die Staaten eingefärbt, die ihren Bürgern weder Sicherheit noch Perspektiven bieten können, von Wohlstand ganz zu schweigen. Nach einer Studie der unabhängigen Washingtoner Forschungseinrichtung "Fund for Peace" werden diese als Failed States angesehen - gescheiterte Staaten. Wie auch in den vergangenen Jahren führen afrikanische Staaten die Liste der Organisation an. 

Der Index für 2011 ist auf Grundlage verschiedener Indikatoren aus dem Jahr 2010 erstellt worden: Dazu zählen neben demographischen, sozialen, wirtschaftlichen und ökonomischen Faktoren auch Korruption im politischen System, die Unterdrückung des Volkes durch einen autoriäten Polizeistaat und eine handlungsunfähige Regierung, die die Sicherheit der eigenen Bevölkerung nicht mehr gewährleisten kann. 

Im Mittelfeld der Liste befinden sich Schwellenländer wie Brasilien (Platz 123), Russland (82), Indien (76) und China (72). Stabile Staaten finden sich fast ausschließlich im Westen - Ausnahmen bilden zum Beispiel Südkorea (155) Singapur (157) und Japan (164).

Seit 2005 erstellt der Fund den Index jährlich - und bietet so Informationen darüber, in welchen Staaten sich die Verhältnisse im Vergleich zum Vorjahr verbessert oder verschlechtert haben.

Somali Refugees Live Desperate Existence In Camps In Neighboring Kenya

Quelle: Getty Images

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Der Index ist eine Negativrangliste. Auf Platz eins liegt der Staat mit den schlimmsten Zuständen. Es ist, wie auch in den vergangenen vier Jahren, Somalia. Das Land kommt in Bezug auf Flüchtlingsbewegungen und den Sicherheitsapparat auf die schlechtesten Werte. Es stehe auch stellvertretend für das Versagen der Internationalen Gemeinschaft, urteilt das Politikmagazin Foreign Policy anlässlich der Veröffentlichung des Index. Experten sehen Somalia als klassischen gescheiterten Staat. Somalia ist vom Bürgerkrieg zerstört, eine staatliche Ordnung gibt es nicht. Verschiedene Regionen werden von konkurrierenden Gruppen kontrolliert, was eine Unterstützung aus dem Ausland, etwa durch Hilfsorganisationen, erschwert.

Im Bild: Somalische Flüchtlinge im Lager Dadaab im Nordosten Kenias.

A displaced ethnic Arab woman spends the heat of the day in a grass hut in eastern Chad

Quelle: REUTERS

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Auf Platz zwei kommt wie bereits 2010 der afrikanische Binnenstaat Tschad. Wenn auch nicht ständig in den Medien präsent, herrschen in dem Land verheerende Zustände. Das Verschwinden des Tschadsees bedroht die Versorgung mit Wasser und Nahrung. Flüchtlinge aus dem sudanesischen Darfur und der Zentralafrikanischen Republik sind in das Land geströmt und haben die Lage verschärft.

Massive Korruption und Geschäftemacherei innerhalb der herrschenden Eliten und das Fehlen staatlicher Legitimation gehören mit einer Bewertung von 9,8 von zehn Punkten zu den Hauptindikatoren für das Staatsversagen. Außerdem versagen die öffentlichen Dienstleistungen zunehmend.

Im Bild (Archivbild): Binnenflüchtlinge aus dem Osten des Tschad, die aufgrund von bürgerkriegsähnlichen Zuständen aus ihrer Heimat vertrieben wurden.

Haitian takes part in a vigil in honor of quake victims in Port-au-Prince

Quelle: REUTERS

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Haiti ist nach Platz elf im vergangenen Jahr auf Platz fünf gerückt. Das Land leidet an den langfristigen Folgen des Erdbebens vom 12. Januar 2010. Bei der Naturkatastrophe starben wohl mehr als 300.000 Menschen. Die internationale Hilfsaktion zum Wiederaufbau des Landes war schlecht koordiniert, die versprochene Hilfe der US-Regierung erreichte das Land mit großen Verzögerungen. Mehr als eine Million Haitianer leben immer noch in Zeltlagern.

Libya Tripoli unrest

Quelle: dpa

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Die Staaten des "Arabischen Frühlings" erscheinen im Index in Orangetönen (Libyen, Tunesien) bis tiefrot (Jemen). Für Libyen muss allerdings berücksichtigt werden, dass die Daten aus dem Jahr 2010 stammen, als das Land noch relativ stabil erschien. Gaddafis Staat liegt auf Platz 111, und steht damit besser da als Ägypten (45) und Syrien (48). Im nächsten Index könnte Libyen jedoch als Failed State auftauchen, während man für Ägypten in den kommenden Jahren auf eine allmähliche Verbesserung hoffen kann.

Im Bild: Pro-Gaddafi-Demonstranten in Tripolis.

Anti-government protests in Yemen

Quelle: dpa

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Sehr schlecht schneidet der Jemen ab. Mit Platz 13 (2010: Platz 15) befindet der Staat sich in der tiefroten Warnzone. Gründe dafür sind unter anderem das autoritär herrschende Regime und die äußerst schwachen wirtschaftlichen und sozialen Strukturen des Landes.

EU-Innenminister reden über Flüchtlingswelle

Quelle: dpa

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Tunesien liegt aufgrund der Daten von 2010 mit 108 Punkten in der Mitte des Index. Vor fünf Jahren befand es sich noch auf Platz 100, die Situation scheint sich also etwas gebessert zu haben. Verbessert hat sich die Situation in den Bereichen öffentliche Dienstleistungen und wirtschaftliche Entwicklung. Allerdings herrschen noch immer Korruption und es kommt häufig zu Menschenrechtsverletzungen.

Den Aufruhr in den arabischen Ländern hat der "Failed States Index" nicht vorausgesagt, und das könne er auch nicht, sagte J. J. Messner vom Fund for Peace in einer Erklärung. Er blickt in die Vergangenheit und bildet ab, ob sich Verhältnisse verbessert oder verschlechtert haben. Prognosen bietet er nicht.

Im Bild: Vor allem schwarzafrikanische Flüchtlinge versuchen zu Tausenden über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Aber auch viele junge Tunesier suchen ihr Glück in den Staaten der EU, weil die wirtschaftliche Situation in ihrer Heimat ihnen keine Perspektiven aufzeigt.

Clashes during 48-hour general strike in Greece

Quelle: dpa

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Im Vergleich zur ersten Analyse von 2005 hat sich das Gesamtbild kaum verändert. Wirklich stabile Staaten gibt es fast ausschließlich im Westen, in Europa, in Nordamerika und vereinzelt in Asien, aber auch Australien und Neuseeland zählen dazu. Allerdings können Ereignisse wie die Staatspleite in Griechenland (Platz 143), sehr schnell starke Spannungen in einer Gesellschaft erzeugen und Staaten auf die Probe stellen, die eigentlich solide erscheinen.

International Olympic Committee's (IOC) 123rd annual meeting in D

Quelle: dpa

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Während nach dem Koreakrieg die Wirtschaft des ostasiatischen Landes noch am Boden lag, so ist Südkorea heute eine der bedeutendsten und schnell entwickelnden Volkswirtschaften der Welt. Insbesondere in einigen Hochtechnologiebranchen steht der Süden der geteilten Halbinsel an der Weltspitze und belegt im Index Platz 155 - und gehört damit zu den Ländern, die als sehr stabil gelten.

Weiteres Indiz für den Erfolg: Der nördlichste der Tigerstaaten Asiens wird bereits zum zweiten Mal Olympische Spiele ausrichten - nach den Sommerspielen 1988 in Seoul nun die Winterspiele 2018 in Pyeongchang.

60 Jahre Bundesrepublik - Bürgerfest in Berlin

Quelle: dpa

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Zu den stabilen Staaten zählt auch Deutschland, das Rang 162 von 177 belegt. Mit Werten um 4,2 bis 4,7 liegt das Land allerdings relativ schlecht in den Kategorien Flüchtlingspolitik und Umgang mit Gruppen, die benachteiligt wurden oder werden oder sich zumindest so fühlen. Noch schlechter schneiden zum Beispiel Frankreich, Großbritannien und die USA ab.

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Quelle: iStockphoto

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Zum stabilsten Staat hat es dieses Jahr Finnland (im Bild: Hafenansicht mit dem Dom von Helsinki im Hintergrund) geschafft. Der Staat bietet sowohl sozial als auch politisch solide Lebensbedingungen. Norwegen, das im vergangenen Jahr den Spitzenplatz belegt hatte, rutschte einen Platz hinter Finnland, gefolgt von Schweden.

Die gesamte Liste des "Failed State Index 2011" gibt es unter http://www.fundforpeace.org/global/?q=fsi-grid2011.

© sueddeutsche.de/hai/mcs/cat

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