Extremismus:Totalitarismusforscher empört mit Auftritt bei der Neuen Rechten

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Dresden

Das Hannah-Arendt-Institut ist im Tillich-Bau der TU Dresden untergebracht. Dort wird Totalitarismusforschung betrieben.

(Foto: Frank Exss/dpa)

Ein Politologe des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts will bei einer Denkfabrik der Neuen Rechten sprechen. Schon früher ist Lothar Fritze mit provokanten Thesen aufgefallen.

Von Ulrike Nimz, Dresden

Politikwissenschaftlern passiert es eher selten, dass bereits die Ankündigung eines Vortrags Aufsehen erregt. Der Politikwissenschaftler Lothar Fritze ist da eine Ausnahme. Fritze, 1954 in Karl-Marx-Stadt geboren, arbeitet seit 1993 am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (HAIT), einem privatrechtlich organisierten Institut unter dem Dach der TU Dresden. Er lehrte als Professor an der TU Chemnitz, forscht zu Problemen der angewandten Ethik und Ideengeschichte, derzeit beschäftigt er sich mit dem totalitären Denken im Marxismus und Nationalsozialismus.

Am kommenden Wochenende nun wird Fritze nach Schnellroda in Sachsen-Anhalt reisen, um dort über "die Faszination des Marxschen Denkens" zu referieren - am Institut für Staatspolitik (IfS). Die im Jahr 2000 gegründete private Einrichtung gilt als Denkfabrik der Neuen Rechten, regelmäßig finden dort Tagungen und Vernetzungstreffen statt, die auch von Mitgliedern der Identitären Bewegung und NPD-Sympathisanten besucht werden.

Mitbegründer ist der Verleger und Publizist Götz Kubitschek. Er trat mehrfach bei Pegida-Demonstrationen in Sachsen als Redner auf, pflegt enge Kontakte zum rechtsnationalen Flügel der AfD und ist Chefredakteur der Zeitschrift Sezession.

Ende 2016 erschien darin ein Interview mit Fritze. Für die aktuelle Ausgabe lieferte er einen eigenen Beitrag mit dem Titel: "Ein Mangel an Staatskunst". Darin greift Fritze Thesen seines aktuellen Buches "Der böse gute Wille" auf, in dem er sich kritisch mit der deutschen Asylpolitik auseinandersetzt. In dem dreiseitigen Text bezeichnet Fritze die Fluchtbewegung als "unkontrollierte, andauernde Invasion".

Die deutsche Regierung habe mit der Öffnung der Grenzen im Herbst 2015 "die Interessen des eigenen Volkes missachtet" und in der Folge "die Tendenz zu einer multiethnischen und multikulturellen Gesellschaft beschleunigt". Ein liberaler Staat sei jedoch auf eine "hinreichende kulturelle Homogenität" angewiesen. "Wo aber Parallelgesellschaften entstehen, löst sich das Volk auf", schreibt Fritze. Eine These, die in rechten Kreisen durchaus anschlussfähig ist - und nicht die erste, mit der Fritze provoziert.

1999 löste eine Abhandlung Fritzes über Georg Elser den "Dresdner Historikerstreit" aus. Anlässlich des Jahrestages des Bombenattentats Elsers auf Adolf Hitler 1939 in München hatte Fritze in einem Beitrag für die Frankfurter Rundschau bezweifelt, dass Elser vorbildhaft gehandelt habe, weil er den Tod Unschuldiger in Kauf nahm. Die Publikation sorgte für teils empörte Reaktionen und eine Führungsdebatte am Dresdner Institut, in deren Zuge ein Direktor gehen musste, Fritze blieb.

Dienstreiseantrag nicht genehmigt

Am Hannah-Arendt-Institut zeigt man sich verärgert ob der wiederholten Zusammenarbeit Fritzes mit rechten Aktivisten, sowohl die TU Dresden als auch das sächsische Wissenschaftsministerium gingen auf Distanz, nachdem vor allem studentische und linke Gruppen den Sachverhalt im Netz verbreitet und kommentiert hatten: Fritzes geplanter Auftritt in Schnellroda erfolge nicht im dienstlichen Auftrag und sei nicht Teil dessen dienstlicher Aufgaben, heißt es in einem Statement. Das Hannah-Arendt-Institut wisse "sich einer kritischen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit totalitären Systemen und extremistischen Bestrebungen verpflichtet" und lehne daher eine Zusammenarbeit mit Einrichtungen der Neuen Rechten strikt ab. Das treffe auch auf das IfS zu.

Fritze selbst wollte sich weder zu Umständen noch Inhalten seines Vortrags äußern, verwies darauf, dass er einer Einladung gefolgt sei und als Privatperson auftrete. Thomas Lindenberger, seit Oktober 2017 Direktor des HAIT, sagte im Gespräch mit der SZ, dass Fritze im Vorfeld der Tagung zunächst einen Dienstreiseantrag gestellt habe, der jedoch abgelehnt worden sei. Von weiteren Schritten sehe man vorerst ab, so Lindenberger. Bei allem Unmut gebe es nun einmal die Freiheit der Rede und die Freiheit jenseits dienstlicher Obliegenheiten.

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