Süddeutsche Zeitung

Datenrecherche #hassmessen:Frauenhass ist keine Privatsache

"Pussy"-Grapschereien, "Weiber" und "Gedöns": Misogynie ist allgegenwärtig und gerade deswegen unterschätzt. Wenn Männer sich radikalisieren, spielt sie oft eine entscheidende Rolle.

Essay von Sabrina Ebitsch und Berit Kruse

"Alles Waschweibermuschis hier. 🤦‍♂"

"Die meisten Weiber sind im 450 Euro Kram unterwegs. Aber Hauptanteil sollte sein, der Mann geht für die Familie arbeiten und Frau kümmert sich um alles weitere."

"Ihr Feminismus bedeutet Vermännlichung der Frau und Verweichlichung des Mannes."

Das sind Nachrichten aus dem Messengerdienst Telegram. Scheußlich, oder? Sie könnten aber auch aus aus einer Facebook-Gruppe stammen. Oder aus einem im Bus mitgehörten Gespräch. Oder vom Kneipenabend. Weil solche Sprüche so scheußlich wie normal sind.

Deswegen fallen sie in sozialen Netzwerken oder im Bus oder in der Kneipe meistens gar nicht so auf. Denn Kommentare wie diese transportieren nicht nur Frauenhass, (was schlimm genug ist), sie sind allzu oft der Einstieg in Radikalisierungsprozesse. Antifeminismus und Misogynie sind nicht die naheliegenden Treiber dafür und deswegen Ideologien, die im Zusammenhang mit einem Rechtsruck noch zu selten diskutiert werden. Gerade weil Frauenhass so normal ist, weil die äußeren Umstände einer Pandemie Radikalisierung begünstigen und weil rhetorische Herabwürdigung auch zu physischer Gewalt eskalieren kann.

Datenrecherche #hassmessen

Dieser Artikel ist Teil des Projekts #hassmessen. Die digitale Reportage zur Recherche und weitere Beiträge aus dem Themenschwerpunkt finden Sie hier: sz.de/hassmessen.

Misogynie ist anschlussfähig in einer patriarchalen Gesellschaft. Das fängt an, wenn Donald Trump davon schwadroniert, Frauen an die "Pussy" zu greifen und hört auf bei tatsächlichen Grabschereien in der U-Bahn. Rabenmütter-Narrative, "Quotenfrau"-Häme, "Gedöns". Um Frauen zu verachten, braucht es nichts Paranatürliches, keine Impfchips, keine Weltverschwörung. Misogynie ist erlaubt, alltäglich, steckt in unserer kulturellen DNA. Der aktuellen Leipziger Autoritarismusstudie der Heinrich-Böll-Stiftung zufolge hat ein Viertel der Deutschen ein geschlossen sexistisches Weltbild.

Auch eine SZ-Datenanalyse von Millionen Telegram-Nachrichten wie denen oben zeigt: In digitalen Räumen der Corona-Kritiker, der Verschwörungsideologen, der QAnon-Anhänger und der Rechtsextremen sind Sexismus und Frauenfeindlichkeit nicht nur weit verbreitet, sondern auch ein gefährliches Schmiermittel im gemeinsamen Hetzen und Hassen. Viele Menschen sinnieren dort über einen vermeintlichen "Genderkrieg", warnen vor "Frühsexualisierung" und nennen Frauen konsequent "Weiber".

Mit Misogynie Hass üben

Frauenfeindlichkeit war und ist wirkmächtig, gerade online, auch im Kleinen: Man behängt die Wände der digitalen Echokammer mit Welt- und Frauenbildern der Fünfzigerjahre. Kein Widerspruch, nur Bestätigung. Man schart sich darum wie um ein Lagerfeuer in der guten alten Zeit. Aber daraus wird schnell ein Lauffeuer, weil Misogynie taugt, um Hass zu üben.

Das gilt gerade in der Corona-Krise, in der alle mehr Zeit im Netz verbringen. Das Leben hat sich dorthin verlagert - und Menschen, die ohnehin einsam sind und vielleicht durch Kurzarbeit oder Jobverlust mehr Zeit, aber weniger Kontakte haben, können Stunden in diesen Kammern verbringen. "Brainwashing funktioniert über Wiederholung, also permanente Indoktrinierung", sagt die Politikberaterin Julia Ebner. Und noch etwas kommt in der Krise dazu: Wut und Hass taugen zur Selbstaufwertung - und die ist in Zeiten der Pandemie, der Verunsicherung, der Kontaktbeschränkungen, der möglichen Arbeitslosigkeit bitter nötig.

Von Rechten wird das gezielt ausgenutzt, sie infiltrieren solche digitalen Räume und schleusen ihre Codes und Ideen ein. Ideologische Schnittmengen, etwa nach rechts außen, gibt es genug. Die vermeintlich natürliche Ungleichheit zwischen den Geschlechtern, einen pseudoreligiösen Kult um eine, die vermeintlich einzige, richtige, hegemoniale Männlichkeit - das ist auch kennzeichnend für rechtextremes Denken. "Antifeminismus dient Rechtsextremen als Brücke in den Mainstream - und genau das macht seine Gefährlichkeit aus", heißt es in einem Aufsatz für die Heinrich-Böll-Stiftung.

Auch in den Telegram-Gruppen beginnt das bei den Corona-Kritikern und Querdenkern, wo man sich noch eher liberal und modern gibt und sich höchstens über "Emanzen" mokiert; in rechtsextremen Gruppen und Kanälen hört es sich mit "Weibsvolk", "Gender-Gaga" oder Spott über "Männer-Häkel-Vereine" schon anders an, wie eine Auswertung der häufigsten typischen Begriffe in den jeweiligen digitalen Räumen zeigt. Beide Strömungen sind aber eng miteinander verwoben - auch und gerade über sexistische und misogyne Codes.

Am Ende der Radikalisierung steht Terror

Für das rechtsextremistische Milieu ist jede Art von Menschenfeindlichkeit ein gefundenes Fressen. Wer einer Gruppe, also zum Beispiel Frauen oder Homosexuellen feindselig gegenübersteht, der flankiert diese Feindseligkeit wahrscheinlicher mit Vorurteilen gegenüber anderen marginalisierten Gruppen, vielleicht Musliminnen, Schwarzen, Juden oder Arbeitslosen. Und wer geneigt ist, Frauen für die eigene Misere verantwortlich zu machen, geht vielleicht auch die nächsten Schritte bei der Politisierung des privaten Hasses mit, lässt sich überzeugen vom großen rechtsextremen Verschwörungsmythos. Der besagt, dass der Feminismus letztlich Mittel zum Zweck des "großen Austausches", eines "weißen Genozids" sei. In Telegram-Gruppen wird dann davon fantasiert, dass Feminismus, Geburtenkontrolle und Abtreibungsrechte die "Rasse zerstören" würden.

Was sagbar ist, von Rechtspopulisten der AfD, in Gruppenchats oder nischigen Imageboards, halböffentlich online und vor wenig Publikum, das ist auf lange Sicht auch machbar. Am Ende der Radikalisierung stehen Taten. An ihrem Beispiel wird die toxische Verquickung verschiedener Feindbilder noch einmal überdeutlich. Die Attentäter von Utøya, Christchurch, Hanau und Halle, sie alle hinterließen Manifeste, die nicht nur von Antisemitismus und Rassismus geprägt waren, sondern sie waren eben auch voller Misogynie. Der Attentäter von Hanau ergeht sich auf 24 Seiten in rassistischen Tiraden und Gewaltfantasien, schreibt aber auch: "Ein Leben lang hatte ich keine Frau/Freundin." Der Attentäter von Halle erklärt bei seiner Vernehmung, dass Ausländer daran schuld seien, dass Männer wie er keine Beziehungen zu Frauen hätten: "Ich will einfach nur Zugang zu Sex haben."

Die Abstufung von Alltagssexismus hin zu Terrorakten mag auf den ersten Blick riesig sein - Frauen herabzuwürdigen und sie gewaltvoll zu töten, das ist ein drastischer, bedeutender Unterschied. Aber es ist eben auch ein gradueller: Während alte misogyne Gruppen an Bedeutung verlieren, gründen sich neue, toxischer als je zuvor. User aus der Pick-Up-Artist-Szene, persönlich frustrierte Männer also, die lernen wollten, möglichst erfolgreich und manipulativ Frauen zu verführen, wechseln in Incel-Foren: digitale Räume, in denen der Frauenhass eskaliert. Auch die oben zitierten Telegram-Nachrichten sind nur die Deckschicht, auch dort finden sich Kommentare, die bei der "Schlampe" beginnen und mit der Forderung "direkt an die Wand mit denen" enden.

Die Attentäter haben alleine gehandelt. Das heißt aber bei Weitem nicht, dass sie Einzeltäter sind, verwirrte Stubenhocker oder "einsame Wölfe": Diese Männer referenzieren einander, auch wenn ihre Taten ein Jahrzehnt und teils Tausende Kilometer auseinanderliegen. Sie teilen ihr sexistisches, antisemitisches, rassistisches Weltbild, ihre Insider und Codes, ihre Sozialisierung in rechtsextremen Foren, das unterstützende frauenhassende Netzwerk.

Misogynie geht oft mit Antisemitismus, mit Rassismus und anderen menschenverachtenden Eigenschaften einher. Denn der Kern dieser Einstellungen ist am Ende derselbe: Sie basieren auf einer Ideologie der Ungleichheiten, auf einem Weltbild, demzufolge nicht alle Menschen gleichwertig sind. Jedes dieser Feindbilder zahlt auf denselben autoritären Backlash ein. In einer Krise ist das besonders verlockend und gefährlich.

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