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Extremismus - Magdeburg:Vater von getötetem Sohn sagt als Zeuge im Halle-Prozess aus

Deutschland
Der angeklagte Stephan Balliet sitzt neben seinen Verteidigern Hans-Dieter Weber (l) und Thomas Rutkowski im Landgericht. Foto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa/Archiv (Foto: dpa)

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Magdeburg/Halle (dpa/sa) - Er erinnere sich genau an das letzte Telefonat mit seinem Sohn, sagt der 44 Jahre alte Gerüstbauer am Dienstag als Zeuge im Prozess um den Terroranschlag von Halle. Der 20-Jährige habe ihn gefragt, ob er in der Mittagspause einen Döner essen dürfe, obwohl die Mutter es verboten habe. "Okay", habe er gesagt, "dann hol dir deinen Döner, aber das ist diese Woche der letzte."

Der Sohn, der mit einer geistigen Behinderung auf die Welt kam und sich mit langen Praktika eine gerade erst begonnene Maler-Lehre erarbeitete, geht in den Kiez-Döner in Halle. Es ist der 9. Oktober 2019. Kurz nach dem Telefonat wird der Imbiss von einem schwer bewaffneten Angreifer attackiert und beschossen. Viele Menschen können fliehen, der 20-Jährige wird getötet. Seine Familie erfährt das erst nach Stunden des Suchens und der Ungewissheit und auf brutale Art und Weise: Ein Bekannter schickt ihr das Video, das der Attentäter von seiner Tat ins Netz gestellt hat und auf dem sie ihren Sohn erkennt.

Vor dem Angriff auf den Döner-Imbiss hatte der Attentäter vergeblich versucht, in die nahe gelegene Synagoge einzudringen, in der mehr als 50 Gläubige den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur begingen. Direkt vor dem Gotteshaus erschoss der Mann eine 40 Jahre alte Passantin. Auf seiner Flucht verletzte er weitere Menschen, ehe er auf einer Straße von einer alarmierten Polizeistreife gefasst wurde.

Seit Juli dieses Jahres arbeitet der Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Sachsen-Anhalt die Geschehnisse juristisch auf. Die Bundesanwaltschaft wirft dem 28 Jahre alten Angeklagten vor, "aus einer antisemitischen, rassistischen und fremdenfeindlichen Gesinnung heraus einen Mordanschlag auf Mitbürgerinnen und Mitbürger jüdischen Glaubens" geplant zu haben. Der Deutsche hat die Taten gestanden.

Die Zeugenaussagen am zwölften Prozesstag zeigen einmal mehr, wie sehr sich das Leben unterschiedlichster Menschen durch den Tattag geändert hat. Da ist der 32 Jahre alte Mann, der bei der Attacke auf den Döner-Laden hinter der Theke stand. Er gehe bis heute eigentlich nur noch ungern in den Laden, wolle aber seinen Bruder unterstützen, der das Geschäft um jeden Preis halten wolle, erzählt er im Zeugenstand.

Sein Bruder sei nicht mehr derselbe, sagt der vier Jahre ältere Besitzer des Döner-Imbisses. In einem langen Teil seiner Aussage erinnert er an die beiden Todesopfer des Anschlags und hält ein Plädoyer, dass Staat und Gesellschaft gemeinsam gegen Fremdenhass arbeiten müssten, um weitere Taten zu verhindern.

Er habe kurz vor dem Attentat alles vorbereitet, um nach mehr als zehn Jahren in Deutschland die Staatsbürgerschaft zu beantragen, schildert der 36-Jährige. Nach dem Anschlag habe er darin keinen Sinn mehr gesehen. "Solange ich dunkle Haare habe und einen dunklen Teint macht es einfach keinen Unterschied, ob ich in meiner Tasche einen deutschen Pass habe oder nicht." Trotzdem wolle er bleiben, den Laden offenlassen, auch weil er viele "wunderbare Menschen" getroffen habe.

Er habe sich einige Tage nach dem Anschlag unwohl gefühlt, weil er in der Synagoge und im Gebet so viel Stärke empfunden habe und gleichzeitig draußen Menschen ihr Leben verloren hätten, beschrieb ein 32 Jahre alter Jude seine Gefühle. Ihn selbst habe es gestärkt, dass sich die Gläubigen entschieden hätten, in der Synagoge die Gebete zu Jom Kippur fortzusetzen. "Das war in psychologischer Hinsicht eine sehr gesunde Reaktion."

Eine 60 Jahre alte US-Amerikanerin, die ebenfalls in der Synagoge war, warnte vor der unterschätzten Gefahr von global vernetzten Rassisten. Der Attentäter sei nicht allein gewesen, sagt sie. "Er ist sehr wohl motiviert worden, ausgebildet, angefeuert und unterstützt worden." Die Frau verweist auf die rassistische White-Supremacy-Bewegung (deutsch: weiße Vorherrschaft) aus den USA.

Sie wirft den Ermittlern vor, in Vorbereitung auf den Prozess nicht genügend über die Hintergründe und Netzwerke des Attentäters herausgefunden zu haben. Sie bewundere, was Europa nach dem Zweiten Weltkrieg geschafft habe, sagt die frühere Radiojournalistin, die unter anderem aus Österreich berichtete. "Ich befürchte, dass es jetzt vermasselt wird, weil man diese Gefahr nicht ernst nimmt", bemerkt sie unter kurzem Applaus aus den Zuschauerreihen.

Bei der Aussage des Vaters, der bei dem Anschlag seinen Sohn verlor, klatscht niemand. Stattdessen halten sich selbst einige Anwälte der Nebenklage schockiert die Hände vor das Gesicht und schütteln ungläubig mit dem Kopf. Der 44-Jährige ist der erste Angehörige eines Todesopfers, der im Prozess aussagt. Seine Stimme versagt, er bricht in Tränen aus, erst bewegen sich nur seine Füße im schnellen, nervösen Takt, später zittert der Mann am ganzen Körper.

Knapp zwanzig Minuten erzählt er in kurzen Sätzen von seinem Sohn. Sehr oft fällt der Satz: "Er war megastolz". Stolz, dass er die Schule geschafft und sich eine Lehre zum Maler erkämpft habe. Und stolz, dass er zur Fangemeinde des Drittligisten Hallescher FC gehörte, regelmäßig zu Spielen gehen durfte und seine Fan-Freunde bei Auswärtsspielen auf ihn aufpassten.

Der Sohn wohnte zuletzt bei der Mutter, die Eltern hatten sich vor zehn Jahren getrennt. Er habe eigentlich jeden Tag mit seinem Sohn telefoniert, viele Ausflüge mit ihm gemacht, erzählt der Vater. Doch am 9. Oktober ging der 20-Jährige nicht mehr ans Telefon, stundenlang nicht. Das habe nicht zu ihm gepasst. Als der 44-Jährige berichtet, wie er das Video zugespielt bekommt, in dem die Taten des Angreifers zu sehen sind, bricht er in so heftiges Schluchzen aus, das die Verhandlung vorübergehend unterbrochen werden muss.

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