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Libanon:"Ich kenne keine Familie in Beirut, die verschont geblieben ist"

Joelle Bassoul hat die schweren Explosionen in Beirut miterlebt.

(Foto: Chandra Prasad/CARE/privat)

Joelle Bassoul hat den libanesischen Bürgerkrieg durchgestanden. Solche Szenen wie nach den schweren Explosionen im Hafen hat sie während dieser Zeit nicht erlebt.

Interview von Dunja Ramadan

Bei zwei Explosionen von circa 2750 Tonnen Ammoniumnitrat in einer ungesicherten Lagerhalle im Beiruter Hafen sind nach jüngsten Angaben des Libanesischen Roten Kreuzes mindestens 100 Menschen getötet und mehr als 4000 verletzt worden. Nach Aussage des Gouverneurs von Beirut, Marwan Abboud, gelten noch mehr als 100 Personen als vermisst.

Joelle Bassoul ist 44 Jahre alt, Regionalmanagerin bei der Menschenrechtsorganisation Amnesty International und arbeitete sieben Jahre lang als Journalistin für die Nachrichtenagentur AFP. Während der Detonationen war sie in der Stadt. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung schildert sie ihre Eindrücke.

SZ: Wo waren Sie gestern während der Explosion?

Joelle Bassoul: Ich war im Stadtviertel Karantina bei meiner Mutter, das liegt nur anderthalb Kilometer östlich vom Hafen. Bei der ersten Explosion dachten wir sofort an eine Autobombe, wie damals während des libanesischen Bürgerkriegs. Aber so etwas wie die zweite Explosion habe ich während der 15 Jahre Bürgerkrieg nicht erlebt. Wir waren komplett überfordert. Auf einmal blieb die Luft weg, eine unfassbare Druckwelle riss uns zu Boden. Dann prasselten die Glasscherben um uns herum ein, Putz fiel von den Wänden. Alle Nachbarn schrien und liefen auf die Straße, wir wohnen im Erdgeschoss und sind einfach hinterher. Wir wussten nicht, was wir machen sollten. Alle Menschen schrien: Was ist passiert? War das ein Luftangriff? Kommt jetzt ein nächster?

Was haben Sie gesehen, als Sie auf die Straße gerannt sind?

Eine riesige rote Rauchwolke, die aussah wie ein Champignon. Das kräftige Rot erinnerte mich an eine Abenddämmerung. Aber es war noch hell. Meine Mutter und ich rannten ins Auto, das Glas war zersplittert, wir hatten Angst, dass es während der Fahrt zerbricht, aber wir wollten Abstand zum Hafen gewinnen. Also sind wir losgefahren.

Wohin?

Zu mir nach Hause. Aber auf den Straßen war Chaos. Ein Gemisch aus Schreien, Sirenen, Hupen. So viele Geräusche prasselten auf uns ein. Es war an dem Tag sowieso viel los, weil die Menschen nach dem viertägigen Opferfest wieder in die Arbeit gefahren sind, die Supermärkte waren überfüllt, alle waren auf der Straße nach den Feiertagen. Und jetzt diese Verwüstung, die Straßen waren voller Glasscherben, voller abgestürzter Gebäudeteile.

Eigentlich brauche ich nur zehn Minuten nach Aschrafiyya, aber vor unseren Augen spielten sich apokalyptische Szenen ab. So etwas habe ich noch nie gesehen. Ich musste die ganze Zeit weinen. Da war diese Familie, die sich bei den Händen hielt und umherirrte. Ich rief ihnen zu: Bringt euch in Sicherheit, versteckt euch! Der Vater rief zurück: Wo soll ich denn hin? Die meisten dachten an einen Luftangriff, wie damals 2006, als Israel und Libanon Krieg führten. Niemand wusste, ob das gerade nur der Anfang war. Es gab in den vergangenen Tagen ja immer wieder Spannungen an der libanesisch-israelischen Grenze.

Was erwartete Sie zu Hause?

Zum Glück waren meine Kinder bei ihrem Vater, weiter weg vom Hafen. Aber unser Treppenhaus war voller Blut, die Nachbarstochter saß am Fenster, als es zur zweiten Explosion kam. Ihr Körper war voller Glasscherben. Meine Wohnung ist verwüstet.

Wo sind Sie gerade?

Wir sind in die Berge gefahren und haben dort übernachtet. Von hier aus sehen wir Beirut, aber von sicherer Entfernung. Meine beiden Kinder haben den Krieg nicht erlebt, sie sind mit der Situation komplett überfordert. Sie fragen mich, wie ihr Zimmer jetzt aussieht, ob ihre Spielsachen noch da sind. Ich will nicht, dass sie ihr Zuhause so sehen. Ich versuche ihnen alles zu erklären, aber ich verstehe es ja selbst nicht.

Werden Sie heute nach Beirut fahren?

Morgen will ich nach Beirut. Heute kann ich noch nicht. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Ich kenne keine Familie in Beirut, die verschont geblieben ist. Die Situation war schon vor der Katastrophe katastrophal. Jetzt muss ich erst mal alle meine Freunde und Bekannte anrufen und schauen, wie es ihnen geht.

© SZ.de/jael

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