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Explosion in Beirut:"Vielleicht lösen die Libanesen die Fesseln der Tyrannei"

In der Nacht zum Freitag, drei Tage nach der Explosion: Polizisten setzen Tränengas gegen Demonstranten ein.

(Foto: Hassan Ammar/AP)

Der bekannte libanesische Autor Abbas Beydoun gibt dem politischen System und dekadenten Eliten die Schuld an der verheerenden Explosion. Er hofft, dass der Revolutionsgeist zurückkehrt.

Interview von Dunja Ramadan

Der Schriftsteller und Dichter Abbas Beydoun gehört zu den renommiertesten libanesischen Autoren. Der 75-Jährige hielt sich am Dienstag gerade in seinem Haus im Zentrum Beiruts auf, als die Explosionen am Hafen die gesamte libanesische Hauptstadt erschütterten. Erst dachte er an ein Erdbeben, doch solche gewaltigen, ohrenbetäubenden Explosionen habe er noch nie in seinem Leben gehört, sagt er. Im Gespräch mit der SZ beschreibt er die vergangenen Tage als "wahre Zerreißprobe für alle Libanesen."

Wie würden Sie die Atmosphäre im Land nach den verheerenden Explosionen am Hafen in Beirut beschreiben?

Abbas Beydoun: Mir gingen anfangs viele Szenarien durch den Kopf. Aber dass die Regierung diese Stufe der Nachlässigkeit erreicht hat, hätten viele Libanesen dann doch nicht für möglich gehalten. Niemand hier kann verstehen, wie das passieren konnte. Da lagert eine unfassbare Menge an Ammoniumnitrat sechs Jahre lang - aus Gründen, die niemand kennt - in unserem Hafen, mitten in der Hauptstadt. Ich möchte über die Hintergründe nicht spekulieren, ich bin kein Fachmann, aber eins kann ich mit Sicherheit sagen: Das libanesische Volk ist vom Gefühl der Schwäche übermannt. Mehr als 140 Menschen sind gestorben, mehr als 4000 Menschen sind verletzt. Und die Zahlen steigen weiter. Um uns herum ist nichts als Verwüstung. Dabei hätten wir nicht gedacht, dass es noch schlimmer werden könnte. Seit Monaten kämpfen wir mit Katastrophen. Erst löst die Ausbreitung des Coronavirus eine weltweite Krise aus, im Libanon verschärft sie die Wirtschaftskrise und den Währungsverfall und treibt weite Teile der Bevölkerung in die Armut.

Wem geben Sie die Schuld an all diesen Problemen?

Das Hauptproblem liegt im politischen System Libanons. Es gründet auf dem konfessionellen Proporzsystem, das politische Ämter seit dem libanesischen Bürgerkrieg an ethnisch-religiöse Gruppen verteilt. Das ist immer noch die Quelle für jegliche Form der Korruption. Das widert mich an, das sage ich ganz direkt. Wissen Sie, ich weiß nicht, was gerade eben auf den Straßen passiert. Aber ich weiß ganz genau, dass die Libanesen die Schuld an dieser Katastrophe der dekadenten politischen Elite geben werden. Die öffentliche Verbitterung über diesen Staat ist gewaltig. Man kann im Angesicht dieser Unfähigkeit und Achtlosigkeit eigentlich gar nicht mehr über einen Staat als solchen sprechen.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Seit vergangenem Herbst demonstrieren die Libanesen gegen die Misswirtschaft der Regierung und fordern den Sturz des politischen Systems. Anstoß war damals die Verkündung neuer Steuern. Wenige Wochen später ist der damalige Ministerpräsident Saad al-Hariri zurückgetreten. Hat sich seitdem denn politisch gar nichts verändert?

Nein, dazu wird es auch nicht kommen, wenn der Staat nicht von Grund auf neu aufgestellt wird. Vielen Libanesen ist im Alltag gar nicht bewusst, dass die staatliche Infrastruktur wie der Hafen oder der Flughafen unter der Kontrolle von bewaffneten Milizen und religiösen Clans steht. Die strukturellen Folgen, die all das mit sich bringt, werden vielen jetzt erst schmerzlich bewusst. Dieser Zustand wird nicht nur zur Nachlässigkeit und Unfähigkeit führen, sondern auch zu fortwährenden Katastrophen.

Wie könnte man das in Zukunft verhindern?

Viele Fragen müssten endlich mal geklärt werden: Niemand weiß so wirklich, wo die Macht in diesem Land liegt. Liegt sie beim Präsidenten, beim Regierungschef oder beim Parlamentspräsidenten? Wer regiert den Libanon? Derzeit ist die Machtverteilung zufällig und verstreut, sie liegt im Verborgenen. Das sind Fragen, die einer Antwort bedürfen.

Welche Antwort würden Sie gerne hören?

Die Macht sollte beim Volk liegen. Die Frage, die ich mir jetzt stelle, ist: Wird diese geballte Wut, die nach so einer Katastrophe folgt, irgendwohin führen? Das kann ich nicht wissen. Aber vor Monaten hieß es noch, wir starten eine Revolution. Dann hat Corona einen Schatten auf diese Bewegung gelegt.

Sie klingen nicht gerade hoffnungsvoll.

Ich weiß nicht, ob die Straße, die die Revolution begonnen hat, noch lebendig ist. Falls sie das noch ist, wäre das der Beginn eines Prozesses gegen die gesamte politische Elite, die uns in ethnische Blöcke aufgeteilt hat. Vielleicht stehen wir vor dem Beginn einer Freiheitsbewegung. Vielleicht lösen die Libanesen die Fesseln der Tyrannei ihrer jeweiligen Gruppe, die vorgibt in ihrem Sinne zu handeln. Aber vielleicht stürzen wir auch in einen Zustand der Verzweiflung, der uns zu Krüppeln macht und uns unfähig macht laut aufzuschreien. Ich bin immer noch hoffnungsvoll. Aber gerade überwiegt einfach eine tiefe Trauer.

© SZ.de/leja
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