Explodierende Nahrungspreise Der Aufstand der Armen

Die weltweite Lebensmittelkrise löst Unruhen in Afrika, Lateinamerika und im Nahen Osten aus - mehr Menschen als je zuvor hungern. Nun warnen die Vereinten Nationen vor Rebellionen in der Bevölkerung.

Von Paul-Anton Krüger und Judith Raupp

Nach gewalttätigen Protesten gegen hohe Preise für Grundnahrungsmittel in mehreren Ländern hat der britische Premier Gordon Brown die Industrieländer zum Handeln aufgefordert. Um zu verhindern, dass sich Lebensmittel weiter verteuerten, brauche die internationale Gemeinschaft "eine vollständig koordinierte Reaktion" schreibt Brown in einem Brief an den japanischen Premier Yasuo Fukuda, den derzeitigen Vorsitzenden der G-8-Länder.

Vergeblich sucht dieser Mann in Thailand nach reifen Reispflanzen - Asiens Bauern exportieren keinen Reis mehr, um die eigene Bevölkerung zu ernähren.

(Foto: Foto: AP)

Laut einer Studie der Weltbank wurden Lebensmittel in den vergangenen drei Jahren weltweit um 83 Prozent teurer, Weizen sogar um 181 Prozent. Weltbank-Präsident Robert Zoellick warnte: "In einigen Ländern könnte es nach hart erkämpften Erfolgen im Kampf gegen Armut nun wieder in die umgekehrte Richtung gehen." Laut der Leiterin des UN-Welternährungsprogramms (WFP), Josette Sheeran, müssen wegen der Lebensmittelkrise mehr Menschen hungern als je zuvor. Weltbank und Internationaler Währungsfond werden bei ihrem Frühjahrstreffen am Wochenende über mögliche Lösungen beraten.

Zoellick hatte jüngst gewarnt, 33 Länder seien durch die steigenden Preise in ihrer Stabilität bedroht. Auch die UN warnten vor weiterem Aufruhr. "Die Folgen der Lebensmittelkrise für die internationale Sicherheit dürfen nicht unterschätzt werden", sagte John Holmes, bei den UN zuständig für humanitäre Fragen und Nothilfe. Auch der Chef der Welternährungsorganisation FAO, Jacques Diouf, warnte, es bestehe die Gefahr weiterer gewaltsamer Proteste.

100 Tote in Kamerun

Die gestiegenen Kosten für Reis, Weizen und Mais hatten zuletzt in Haiti zu Ausschreitungen mit Toten geführt. Auch in Ägypten, Mauretanien, Mosambik, Senegal, Kamerun und Burkina Faso wurden Demonstranten verletzt oder getötet, die auf die Straße gingen, weil sie sich ihr Essen nicht mehr leisten können. Äußerst blutig verliefen Proteste in Kamerun. Etwa 100 Menschen kamen dort Anfang März ums Leben. Sicherheitskräfte lieferten sich Gefechte mit Jugendlichen. Anfangs hatten nur die Taxifahrer gegen steigende Benzinpreise demonstriert. Doch bald kamen viele Menschen hinzu, die über die steigenden Lebenshaltungskosten wütend waren.

In Burkina Faso legte am Dienstag und Mittwoch ein Generalstreik das Leben lahm. Die Menschen forderten höhere Löhne, um Lebensmittel bezahlen zu können. Die Gehälter stagnierten seit Jahren, während Brot und Reis immer teurer würden, sagt der Oppositionsabgeordnete Fidèl Kientega. Vor einigen Wochen hätten die Menschen schon einmal gegen die Teuerung demonstriert. Die Polizei habe in die Menge geschossen und dabei Menschen verletzt. "Ich habe Angst, dass die Gewalt eskaliert", warnt er.

Ursache der steigenden Preise sind die wachsende Nachfrage nach Lebensmitteln, getrieben durch das Bevölkerungswachstum und den zunehmenden Wohlstand in Schwellenländern sowie der Anbau von Energiepflanzen. Der Klimawandel schmälert die Erträge, auch werden Felder durch Industrieansiedlungen verdrängt.

Weil sich an diesen Faktoren in absehbarer Zeit kaum etwas ändert, dürften künftig Länder in politische Bedrängnis geraten, die auf Lebensmittelimporte angewiesen sind. Dazu zählen etwa Ägypten und Indonesien, die als Regionalmächte für die Stabilität im Nahen Osten und Südostasien wichtig sind, aber auch Pakistan, wo die Armee seit Monaten Mehltransporte schützen muss.

In einigen Ländern Nordafrikas erstarken islamistische Bewegungen, weil die Regierungen nicht in der Lage sind, eine ausreichende Versorgung mit billigen Lebensmitteln zu sichern. In Afghanistan sind laut WFP 2,5 Millionen Menschen akut von Hunger bedroht. Das könnte die Bemühungen des Westens gefährden, das Land zu stabilisieren. Brisant ist, dass immer mehr Menschen in den Slums der Mega-Städte Afrikas, Asiens und Lateinamerikas betroffen sind. "Oft sehen wir Nahrungsmittel in den Regalen, aber die Leute können sie sich nicht leisten", sagt WFP-Chefin Sheeran. Anders als die Bevölkerung auf dem Land können sie sich aber nicht selbst versorgen - und tragen ihre Wut auf die Straße.

Viele Regierungen senken Zölle auf Lebensmittel und erschweren Exporte - wie etwa Argentinien. Die Bauern sollen ihre Waren im Land verkaufen. Dadurch, so die Hoffnung, sollen die Preise sinken. Doch statt sie zu senken protestieren die Bauern mit Blockaden gegen höhere Exportsteuern. Auf Dauer müssten Handelshemmnisse abgeschafft werden, sagt Stefano Manservisi, Generaldirektor für Entwicklung bei der EU-Kommission.

Wenn man Hunger und Armut bekämpfen wolle, müsse man erreichen, dass die Entwicklungsländer am internationalen Handel teilnehmen könnten. Die Entwicklungspolitik müsse darauf abzielen, die Landwirtschaft in den ärmeren Ländern aufzubauen: "Jede Investition in die Agrarproduktion ist eine Investition in die politische und gesellschaftliche Stabilität."