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Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen:Röckemann kommentiert mit - und ist kein Einzelfall

Röckemann scheint es nicht zu stören, dass Derartiges auf seiner Seite verbreitet wird. Er kommentiert unter dem Artikel fleißig mit, ohne auf die Gewaltaufrufe und Nazi-Rhetorik einzugehen. Bis zum 6. April wurden die Kommentare nicht gelöscht, wie Screenshots belegen. Röckemanns Post ist kein Einzelfall, sondern offenbar Teil einer Strategie. Über Wochen und Monate teilt er immer wieder Artikel, in denen es um tatsächliche oder vermeintliche Übergriffe von Migranten oder um andere Zuwanderungsthemen geht. Die Quellen sind oft dubios, das rechte Magazin "compact" etwa ist darunter und das tendenziöse Portal "jouwatch".

Unter Röckemanns Posts entstehen hunderte Hasskommentare, Gewaltaufrufe und Nazi-Sprüche. Zu einer Meldung vom 20. März, die von der Seerettung von Migranten auf dem Mittelmeer berichtet, wird vorgeschlagen, auf die Menschen mit Torpedos zu schießen oder sie Haien zum Fraß vorzuwerfen. Zudem werden Migranten pauschal als "Ratten" bezeichnet. Unter einem Post vom 5. April, in dem es um die mutmaßliche Vergewaltigung einer Frau bei Bonn geht, schreibt jemand: "und Adolf musste sterben...,tztztztztzzz". In keinem der Fälle reagiert Röckemann, bis die SZ ihn am 6. April mit den Hasskommentaren konfrontiert.

AfD Frauke Petrys Avancen sorgen beim Zentralrat der Juden für heftige Reaktionen
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Frauke Petrys Avancen sorgen beim Zentralrat der Juden für heftige Reaktionen

Die AfD-Chefin behauptet, ihre Partei sei "Garant jüdischen Lebens" - und kassiert eine Abfuhr. Warum buhlen die Rechtspopulisten überhaupt um Juden?   Von Oliver Das Gupta

Merkel, Gauck und Gabriel auf der Nazi-Anklagebank

Er ist nicht der einzige Kandidat der AfD, der im Internet Hass und Gewalt schürt. Der NRW-Jugendverband der Partei verbreitet bereits im August 2015 einen Comic, in dem die Europäische Zentralbank in Flammen aufgeht. Ein Mann, der zunächst ein Superman-Kostüm und später einen Trenchcoat trägt, entfernt sich von dem brennenden Gebäude. Es ist nicht klar, ob er die Bank in Brand gesetzt hat oder einfach nur nichts unternimmt, um den Brand zu löschen.

Vorsitzender der "Jungen Alternative" ist Sven Tritschler, er steht auf der NRW-Landtagswahlliste auf Platz 13. Weiterverbreitet hat den Comic von der brennenden EZB auch Alexander Langguth, Listenplatz 11.

Des Weiteren kursiert in AfD-Kreisen eine Fotomontage, deren Grundlage ein Bild der Nürnberger Prozesse nach dem Zweiten Weltkrieg ist. Die Köpfe der ursprünglichen Angeklagten um den NS-Luftwaffenchef Hermann Göring und den Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Wilhelm Keitel, sind allerdings ausgetauscht worden. Stattdessen zeigt die Montage führende Bundespolitiker auf der NS-Anklagebank, darunter Kanzlerin Angela Merkel, Außenminister Sigmar Gabriel und den ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck. Michael Schild, AfD-Listenplatz 25, gefällt das. Göring entging seinem Todesurteil durch Suizid, Keitel wurde 1946 mit neun weiteren Verurteilten hingerichtet.

In der NRW-AfD tobt ein Richtungsstreit

Ein weiterer AfD-Listenplatzinhaber stellt auf Facebook offen seine Islamfeindschaft zur Schau. Unter einem Bild, das ein mutmaßlich muslimisches Mitglied der rechten französischen Partei Front National zeigt, liefert sich Detlef Küsters, Platz 59, im Jahr 2013 einen verbalen Schlagabtausch mit einem Mann mit ausländisch klingendem Namen. Es fallen Beleidigungen auf beiden Seiten. Unter anderem schreibt Küsters: "Verschissener, schwuler Muselmann".

Jürgen Antoni, Platz 41, äußert sich frauenfeindlich. Im Mai 2013 postet er ein Bild von einer offenbar alkoholisierten, schlafenden Frau, die neben einem Mülleimer liegt. Dazu schreibt er: "Letzte Nacht auf einer unserer Autobahnraststätten gefunden. Mitgenommen, bisschen sauber gemacht, schläft noch. Zum Wegwerfen echt zu schade."

Die SZ hat die Betroffenen um Stellungnahmen zu den Postings gebeten. Sven Tritschler, der Vorsitzende der Jungen Alternative, die den Comic mit der brennenden Zentralbank postete, teilt mit, dieser sei satirisch gemeint. "Inhalt ist nicht, das wir uns eine brennende EZB wünschen, sondern lediglich die Feststellung, dass selbst Superman im Brandfalle auf das Löschen verzichten würde."

Für Alexander Langguth, von dessen Account der Comic weiterverbreitet wurde, meldet sich sein Anwalt mit einem Schreiben, in dem er das Berichterstattungsinteresse der SZ in Frage stellt. Weiter teilt der Anwalt mit, der fragliche Post zeige eine kritische Haltung gegenüber der Europäischen Zentralbank, die man bestenfalls so auslegen könne, diese sei überflüssig und gehöre abgeschafft.

Michael Schild, der die Fotomontage zu den Nürnberger Prozessen mit "gefällt mir" bezeichnete, antwortet auf Nachfrage, sein "Like" gelte "ausschließlich der gelungenen zeitgenössischen Verfremdung im Stile der 40er Jahre". Und Detlef Küsters schreibt, die Äußerung "Verschissener schwuler Muselmann" stamme gar nicht von ihm. Er könne sich nicht erklären, wie sie auf Facebook unter seinem Namen habe veröffentlicht werden können. Von Thomas Röckemann und Jürgen Antoni erhielt die SZ bis Ablauf der Frist keine Stellungnahme.

In der nordrheinwestfälischen AfD tobt derzeit ein Richtungsstreit zwischen einem etwas moderateren Lager, das der NRW-Spitzenkandidat der Partei, Marcus Pretzell, anführt. Pretzell ist zudem mit AfD-Chefin Frauke Petry verheiratet. Die beiden traten am Wochenende beim offiziellen Wahlkampfauftakt der NRW-AfD in Essen auf. Auch dort versuchten die beiden, das Bild einer bürgerlichen AfD zu vermitteln.

Zum Lager um Pretzell und Petry zählt auch Herbert Strotebeck, der AfD-Mann im Anzug aus Mettmann. Als die Podiumsdiskussion im Hotel vorbei ist, nimmt er zu den Vorwürfen gegen seine Parteifreunde Stellung. "Das geht nicht, solche Leute wollen wir nicht", sagt er. Mit ihnen auf der Landesliste aber steht er trotzdem.

Mitarbeit: Simon Conrad

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