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Ex-SklaveYahya ould Brahim:"Ich dachte, Wegrennen wäre Sünde"

Yahya ould Brahim hat Mauretanien verlassen, um der Strafe seiner Sklavenhalter zu entgehen. Er durchlitt das Elend der Bootsflüchtlinge und schlug sich bis Paris durch. Erst dort verstand er, dass niemand das Recht hat, einen anderen Menschen zu besitzen.

Vor einer Woche ist Yahya ould Brahims Hoffnung zusammengestürzt. Da hängten sie bei der Ausländerbehörde Listen aus, wer Asyl bekommen hat. Sein Antrag war wieder nicht erfolgreich, jetzt wirken die Wohntürme in seiner Pariser Vorstadt noch erdrückender. Unten am Eingang lungern Jugendliche, sie kiffen und hören Rap und grüßen ihn respektvoll. Im Aufzug schlägt er mit einer Faust an die Wand, beißt sich auf die Lippen. Er hatte sich das alles leichter vorgestellt, wenn er erst in Paris wäre.

Yahya ould Brahim Ex-Sklave Paris

Einst Eigentum eines Herren, nun gestrandet in Paris: geflohener Leibeigener Yahya ould Brahim.

(Foto: Niklas Schenck)

"In den Jahren nach meiner Flucht habe ich mich am meisten vor dieser Frage gefürchtet: 'Wem gehörst Du?' Hätte mich jemand das gefragt, ich wäre sofort eingeknickt. Einmal fragte ein Mann, der mich in der Hauptstadt Nouakchott als Wasserträger bezahlte, ob ich ein Sklave gewesen sei. Ich schwieg, alarmiert.

Er bot an, mir Aktivisten vorzustellen, aber ich dachte, dass es verboten sei wegzurennen, dass ich gesündigt hätte und dass ich jetzt bestraft würde. Erst viel später, in Paris, habe ich begriffen, dass niemand einen Sklaven besitzen darf, auch nicht in Mauretanien. So aber bin ich in derselben Nacht wieder abgehauen. Ich habe mich an der Küste nach Norden durchgeschlagen, bis Nouadhibou. Nach drei Jahre hatte ich genug gespart und stieg in ein winziges Fischerboot, die brachten Leute nach Europa oder erlösten sie vom Leben.

Vier Tage trieben wir in diesem lächerlichen Kahn auf dem Atlantik, aber alles war besser, als entdeckt zu werden, als zurück zu müssen zu meinen Besitzern. Wir aßen trockene Kekse und Reis und tranken Milch, die in der Sœonne längst schlecht geworden war. Zwei meiner Mitfahrer stürzten vor Erschöpfung über Bord und ertranken, ich weiß nicht einmal wie sie hießen. Wir erreichten die spanische Küste und ich schlug mich bis Paris durch, an meinem ersten Tag hat es geschneit, das war im Dezember 2003.

Vieles in Paris habe ich nicht verstanden. So hat mich anfangs verblüfft, dass wir jeden Tag genug zu essen bekamen. Als ich noch in Selibaby war, als Sklave, da war das anders. Die Frau meines Besitzers nahm mir oft meinen Teller weg und sagte, dass es jetzt genug für mich sei. Einmal schrie sie: 'Wenn Du einen Sklaven gut fütterst, wird er stark und aufmüpfig.' Ich war immer schwach.

Selibaby liegt im Süden von Mauretanien, der Senegalfluss ist nicht weit, hier wachsen ein paar Dornbüsche in der Wüste. Ich war Ziegenhirte, seit ich denken kann, auf 50 Tiere musste ich aufpassen, sie gehörten Ould Lemine - wie ich, ich gehörte ihm auch. Abends musste ich Holz holen und Wasser, ich musste Tee kochen, das Essen zubereiten.

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