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Ex-Jugoslawien:Leben in Ruinen

February 7, 2020, Bihac, Bosnia and Herzegovina: Refugees in abandoned building at Bira camp in Bihac

Die offiziellen Unterkünfte reichen nicht: Flüchtlinge im bosnischen Bihac.

(Foto: Iain Burns/imago images)

Tausende Migranten stecken unter erbämlichen Bedingungen in Serbien und Bosnien fest. Auch hier wachsen die Spannungen.

Von Tobias Zick

Es gibt erbärmliche Flüchtlingslager auf europäischem Boden, die liegen viel näher an Deutschland als das nun abgebrannte Camp von Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Sie liegen allerdings, anders als Moria, außerhalb der Europäischen Union; wohl auch deshalb erregen die Zustände dort weniger Aufsehen. Zum Beispiel Šid in Serbien, kurz vor der Grenze zum EU-Staat Kroatien. Früher war das 15 000-Einwohner-Städtchen eine wichtige Durchgangsstation auf der sogenannten Balkanroute, heute sitzen dort Tausende fest. Mit Verweis auf die Corona-Pandemie haben die Behörden Hilfsorganisationen den Zugang zu den Lagern weitgehend verboten. Zudem patrouilliert nun die serbische Armee rings um die Camps, damit "unsere Bürger sich besser, ruhiger, sicherer fühlen", so hat es Verteidigungsminister Aleksandar Vulin dargestellt; konkreter: damit "Migranten, die aus den Lagern herauskommen, keine Probleme verursachen". Wer es trotzdem schafft, sich an den serbischen Soldaten vorbei zur Grenze zu schleichen, wird dort vom hochgerüsteten kroatischen Grenzschutz erwartet und Berichten zufolge mitunter brutal zurück nach Serbien geschoben.

Noch prekärer ist die Lage im Nordwesten von Bosnien-Herzegowina. Im dortigen Kanton Una-Sana halten sich laut Angaben der Behörden etwa 7000 Migranten auf, davon allerdings nur etwa die Hälfte in offiziellen Lagern. Die anderen kampieren an Straßenrändern, auf Feldern, in Fabrikruinen. Ipsia, eine italienische Hilfsorganisation, die in der Region aktiv ist, berichtet, vielen mangele es an Nahrung und Wasser, zudem wüchsen die Spannungen zwischen Migranten und der einheimischen Bevölkerung, die anfangs den Gestrandeten oft half, inzwischen aber angesichts von Müllbergen, Diebstählen und Einbrüchen mitunter sehr aggressiv auftritt. In der Stadt Velika Kladuša etwa blockierten in mehreren Nächten Einheimische eine Hauptstraße, hielten alle ankommenden Busse auf und durchsuchten sie nach Migranten. Diese wurden dann nach draußen gezerrt und gezwungen, in die Richtung zurückzulaufen, aus der sie gekommen waren.

Wer versucht, über die Grenze in das benachbarte EU-Land Kroatien zu gelangen, trifft auch dort auf die ganze Härte der Sicherheitsbehörden. Menschenrechtsorganisationen haben etliche Fälle von Misshandlungen und brutalen Rückabschiebungen dokumentiert. Nachdem die kroatische Regierung alle Vorwürfe stets kategorisch zurückgewiesen hatte, erläuterte die damalige Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarović vor einem Jahr etwas differenzierter: Sie wolle nicht ausschließen, dass es zu Abschiebungen komme, aber diese seien nicht grundsätzlich illegal, schließlich schütze ihr Land "die ganze Europäische Union" vor "illegaler Migration". Zudem hätten ihr sowohl der Innenminister als auch der Polizeichef versichert, dass sie "nicht zu viel Gewalt anwenden".

Das harte Durchgreifen der Kroaten an der Grenze hat Beobachtern zufolge einen handfesten außenpolitischen Grund. Das Land ist zwar seit Juli 2013 Mitglied der Europäischen Union, gehört aber noch nicht dem Schengen-Raum an, der Gruppe von Ländern, die untereinander auf Grenzkontrollen verzichten. Um seine Chance auf Aufnahme in den erlesenen Kreis zu erhöhen, will Kroatien offenkundig beweisen, wie effektiv es die Außengrenze sichern kann.

© SZ vom 19.09.2020

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