Ex-CIA-Agent:"Ein strategischer Fehler von monumentaler Größe"

Danach schrieb er mehrere Briefe an Adressaten in den USA. Worum ging es da?

Ich weiß von zwei Briefen: Einer war an eine Friedensinitiative gerichtet, der andere an den Politiker und Aktivisten Ramsey Clark. Darin erklärte Saddam, er hätte mit den Attentaten nichts zu tun und würde mit dem amerikanischen Volk trauern. Dabei war er sich offenbar nicht bewusst, dass seine Adressaten für die öffentliche Meinungsbildung kein Gewicht hatten.

Wie groß war das Interesse an Ihren Erkenntnissen im Weißen Haus?

Dort war man enttäuscht darüber, dass keine Massenvernichtungswaffen gefunden wurden. Viele Mitarbeiter hatten ihre Karrieren darauf verwettet. Es war wirklich ein eigenartiges Gefühl, vor dieser Masse an Fehlern zu stehen und mit einem solchen Misserfolg klarzukommen. Und noch viel eigenartiger war, dass niemand mit uns über unsere Erkenntnisse sprechen wollte.

Die Bush-Regierung hatte geglaubt, wenn man Saddam gefasst hätte, wären alle Probleme gelöst. Dort hatten sie keine Ahnung, in welche neuen Schwierigkeiten sie sich mit dem Einmarsch manövriert hatten. Und jeder, der ihnen etwas erzählte, was ihren Ansichten widersprach, wurde ausgeblendet. Ich selbst traf Cheney und Bush erst 2007 persönlich.

Saddam Hussein Statue in Bagdad

Niedergerissene Saddam-Statue in Bagdad. Auch nach dem Sturz des Diktators gingen die Kämpfe im Irak weiter. Iraker kämpften gegen die US-Soldaten und untereinander.

(Foto: AFP)

Es ist jetzt mehr als zehn Jahre her, dass Saddam Hussein gestürzt und dann Ende 2006 hingerichtet wurde. War es in Ihren Augen ein Fehler, das zu tun?

Ja, ein strategischer Fehler von monumentaler Größe.

Aber Sie hatten den Einmarsch in den Irak zuvor unterstützt.

Ich hatte seit Jahren fast täglich die Entwicklungen im Irak beobachtet und geglaubt, dass Saddam Hussein mit seiner Herrschaft ein sehr stolzes Land gebrochen hätte. Ich ging davon aus, ein Regimewechsel würde dem irakischen Volk helfen und einen Feind in einen Verbündeten verwandeln.

Dass der Irakkrieg unter falschen Vorwänden begonnen wurde und ein großer Fehler war, ist mittlerweile weithin akzeptiert. Warum jetzt Ihr Buch?

Weil wir solche Fehler kontinuierlich begehen. Ich dachte lange Zeit, aufgrund der Vietnam-Erfahrung würden wir gewisse Fehler nicht wiederholen. Aber zwischen 2003 und 2009 verbrachte ich viel Zeit im Irak und beobachtete immer mehr Ähnlichkeiten mit Vietnam. Das ist eine der Lektionen, die wir gar nicht oft genug lernen können: Wir müssen unsere Fehler nutzen, um es beim nächsten Mal besser zu machen.

Für die Geheimdienste heißt diese Lektion, das Richtige zu tun und nicht unbedingt das, was das Weiße Haus für richtig hält. Sie müssen ihre Erkenntnisse vorlegen, wie sie sind, ohne sich für eine bestimmte Politik einspannen zu lassen.

Meinen Sie, dass ein Donald Trump das Richtige tun wird?

Ich bin trotz allem ein Optimist. Ich hoffe, dass Trump die Geheimdienste ernst nehmen wird, besonders weil er keinen politischen Hintergrund und keine außenpolitische Erfahrung besitzt. Es darf keine Mauer des Misstrauens zwischen ihm und der CIA geben. Das würden unsere Gegner versuchen auszunutzen.

In Ihrem Buch zeigen Sie auch die menschliche Seite des Diktators, was manche Leser irritieren könnte.

Sympathie kann es für einen Menschen mit solch einem Lebenslauf nicht geben. Aber so etwas wie Empathie schon. Meine Erfahrungen haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, sich in andere Menschen einzufühlen, auch wenn man mit ihnen nicht übereinstimmt. Um nachzuvollziehen, warum sie gewisse Dinge taten.

Wir sind sehr schnell darin, die Taten von anderen zu verurteilen und umgekehrt sind wir nicht bereit, zu sehen, dass unsere eigenen Fehler, etwa das Vorgehen meiner Regierung, manchmal ähnlich verabscheuenswert war. Das stört mich. Meine Regierung muss dazulernen: Sie sollte nicht nur wissen, wer ihre Freunde und wer ihre Feinde sind, sondern auch verstehen, warum manche zu ihren Feinden wurden.

Wie hat die CIA auf Ihr Buch reagiert?

Die Arbeit an dem Buch glich manchmal einem Albtraum, vor allem behandelte man mich bei dem Geheimdienst wie einen Verräter. Aber obwohl ich mit der CIA sehr hart ins Gericht gehe, mögen viele dort mein Buch. Es freut sie sehr, dass ich bei der Wahrheit geblieben bin und wirklich etwas zu sagen habe. Sie finden, dass zu viele Bücher über die CIA ohne Substanz sind.

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