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Ex-Bürgermeister von Tröglitz:"Rechte bestimmen moralische und politische Grenzen"

Demonstration gegen angeblichen Asylmissbrauch

Teilnehmer einer Demonstration gegen Flüchtlinge im Januar in Frankfurt/Oder.

(Foto: dpa)

Der zurückgetretene Bürgermeister von Tröglitz zeigt sich besorgt über die Asyldebatte in seinem Ort. Im SZ-Interview sagt er, rechte Hetzer würden "aus Feigheit oder innerer Übereinstimmung in Ruhe gelassen".

Der zurückgetretene Ortsbürgermeister von Tröglitz in Sachsen-Anhalt, Markus Nierth, beobachtet die Asyldebatte in seinem Ort mit Sorge. "Die Rechten bestimmen momentan die moralischen und politischen Grenzen und schieben die Masse vor sich her, bis sie sich wehrt. Nur: Sie wehrt sich noch nicht. Das ist eine Gefahr", sagte Nierth im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung.

Er hatte sein Amt im März aufgegeben, als eine von der NPD angemeldete Demo auch vor seinem Privathaus halten sollte. Später brannte in Tröglitz der Dachstuhl eines Mehrfamilienhauses, in dem Flüchtlinge untergebracht werden sollten.

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Für den Staatsanwalt ist es eine gemeingefährliche Straftat schlimmster Art: In Tröglitz in Sachsen-Anhalt brennt ein Haus, in dem demnächst Asylbewerber untergebracht werden sollen. Erst kürzlich war der Bürgermeister wegen rechtsextremer Drohungen zurückgetreten.

Drei Flüchtlingsfamilien leben inzwischen in dem Ort im Burgenlandkreis. Die Asylbewerber hätten ihre eigene Strategie entwickelt, sagte Nierth. "Sie gehen so freundlich grüßend durch Tröglitz, dass die Leute erst verdutzt sind und dann freundlich zurückgrüßen, die allermeisten zumindest." Seine Familie hingegen werde von manchen komisch angeschaut, sagte Nierth. Er erhalte auch "üble Briefe". Das sei die Bilanz: "Die wenigen, die sich gegen den Hass gewehrt haben, wurden ins Visier genommen. Aber jene, die durch rassistische Hetze im Umfeld der Demonstrationen alles angestachelt haben, und die dies weiter tun, werden aus Feigheit oder innerer Übereinstimmung in Ruhe gelassen."

Über den Fall Tröglitz war weltweit berichtet worden. Die große Präsenz vor allem deutscher Medien habe allerdings eher geschadet, sagte Nierth. "Für den Ort ist es auf keinen Fall gut gewesen. Die Menschen sind den Medien gegenüber jetzt noch vorurteilsbehafteter als vorher schon."

Lesen Sie das vollständige Interview mit SZ plus:

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