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Evangelische Kirche:Stolz und bedrängt

Hunderttausende kommen nächste Woche zum Kirchentag, plus Obama. Der Protestantismus prägt immer noch die Welt. Aber er hüte sich vor Selbstgewissheit.

Es ist zurzeit nicht leicht, Martin Luther zu entkommen. Er ist überall: als Playmobilfigur, mit der man sich ironisch halb identifizieren kann. Er begegnet einem in Büchern, Zeitungsartikeln, Ausstellungen, Professoren- und Pfarrervorträgen. Man trifft ihn im Luther-Oratorium und im himmelblauen Reformationstruck, der durch Europa tourt, in der "Weltausstellung Reformation" in Wittenberg. Am Mittwoch, zur Halbzeit des Reformationsjahres, beginnt in Berlin und Wittenberg der Evangelische Kirchentag mit seinen Menschenmassen und Tausenden Posaunen. Der Bundespräsident und die Kanzlerin kommen, sowie insgesamt ein guter Teil der intellektuellen, wirtschaftlichen, politischen Elite des Landes. Und Barack Obama, der Präsident a. D. aus dem mächtigsten Land der Welt, dessen Christenheit sich überwiegend auf das Erbe der Reformation beruft. Ja: Was 1517 mit Martin Luthers Thesenanschlag begann, prägt heute noch die Welt.

Die Inszenierung dieses Reformationsjahrs 2017 ist Ergebnis einer Geschichtspolitik, wie sie Kirche und Staat so noch nicht betrieben haben. Lutherjubiläen boten in Deutschland immer Anlass, die Geschichte für die Gegenwart zu deuten und zu nutzen, ob 1616, am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges, oder 1983, als zum 500. Geburtstag Luthers die DDR versuchte, den Reformator zu einem ihrer Vorfahren zu machen.

Hunderttausende kommen nächste Woche zum Kirchentag, plus Obama. Der Protestantismus prägt immer noch die Welt. Aber er hüte sich vor Selbstgewissheit

Zu Recht hatten in der Bundesrepublik die evangelische Kirche und der Staat Abstand genommen von solcher Vereinnahmung. Bei der Kirche allerdings verstärkte sich die Sorge, dass diese Selbstbescheidung ein Grund für ihren Bedeutungs- und Relevanzverlust sein könnte. Das war die Situation, in der 2008 Wolfgang Huber, der damalige Berliner Bischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), dem Protestantismus eine ganze Reformationsdekade verordnete: Über zehn Jahre hinweg sollten sich die Landeskirchen und Gemeinden auf den 31. Oktober 2017 vorbereiten, sich ihrer Wurzeln und Identität versichern; sie sollten zeigen, wofür sie stehen: für die Kirche der Freiheit, den Primat des Gewissens, den protestantischen Bürgersinn, den nicht kaltlässt, was in der Welt geschieht. Aus der problematischen sollte die gute Geschichtspolitik werden.

Man kann nun nicht sagen, dass das Reformationsjahrzehnt die Republik erschüttert hätte. Trotzdem: Die evangelische Kirche hat in dieser Zeit einiges von der Selbstverzwergung und Selbstsäkularisierung abgelegt, die sie sich angewöhnt hatte. Sie hat, gerade auf die Kritik vieler Historiker hin, sich von einigen kurzschlüssigen Vergegenwärtigungen Luthers als modernem Freiheitshelden verabschiedet und selbstkritisch seine Judenfeindschaft aufgearbeitet. Sie feiert gemeinsam mit den Katholiken den Jahrestag der Reformation als "Christusfest", in gegenseitiger Freundschaft, die vor zehn Jahren kaum vorstellbar erschien. Und stolz treten die EKD-Verantwortlichen gemeinsam mit dem evangelischen Bundespräsidenten und der protestantischen Kanzlerin auf: Schaut her, wie protestantisch die Republik ist - egal, wie viele Mitglieder im Jahr die Kirche verliert.

Bei allem Stolz über diese Staats- und Gesellschaftsnützlichkeit: Sie ist auch eine Gefahr. Eine Kirche, die sich vor allem als Wertelieferantin für Staat und Gesellschaft begreift, als Anstalt zur moralischen Verbesserung des Gemeinwesens, die macht sich benutzbar, verfügbar, berechenbar. Damit aber beraubt sie sich ihres religiösen, transzendenten Kerns. Denn wer von Gott redet, muss immer die Unverfügbarkeit dieses Glaubens in Rechnung stellen, muss davon ausgehen, dass er fremd und widerborstig in die Welt ragt, manchmal geradezu beängstigend.

Wer den Glauben als Wohlfühlmittel missversteht, als das Schnapsgläschen Doppelherz für den verantwortungsfrohen Bürger, der verflacht ihn, wie gut er es meinen mag. Das gilt für den konservativen bis fundamentalistischen Protestantismus, der sich einen festen, unpolitischen Versicherungsglauben wünscht. Das gilt für die Kirchenleitung: Sie kann nicht mehr Einspruchs- und Zweifelsmacht sein, wenn sie allzu stolz darauf ist, Merkel und Obama eine Bühne zu geben. Das gilt aber auch für Teile des Kirchentagspublikums, die mit religiöser Inbrunst ihre politische Einstellung als letzte Wahrheit vertreten. Gott sei Dank treten auf dem Kirchentag viele Gruppen gegen das Unrecht dieser Welt an. Nur geschieht auch dies manchmal mit einem Absolutheitsanspruch, der Gott verfügbar machen will fürs eigene Thema.

Ein Protestantismus, der sich der Nützlichmachung entzieht, der den Zweifel und das Suchen schätzt, der alle vorletzten Antworten mit letzten Fragen konfrontiert - das sollte genauso zum Erbe der Reformation gehören wie das Lied "Ein' feste Burg ist unser Gott" und die Lutherbibel. Es nimmt die institutionelle Bedeutung der Kirchen ab; auch das gibt dem Reformationsjahr eine melancholische Note: Noch einmal tritt die evangelische Kirche hier in staatstragender Stärke auf, noch einmal gelingt es ihr, dass der 31. Oktober 2017 zum allgemeinen Feiertag wird, in der Spätblüte jenes Verhältnisses zwischen Staat und Religion, das die Bundesrepublik so lange getragen hat. Nein, dieses Verhältnis wird weder morgen noch übermorgen enden. Trotzdem: Wenn am Allerheiligentag das große freudetrunkene Gedenken vorbei ist, wird die ernüchternde Frage nach der Zukunft des Protestantismus dastehen.

Diese Zukunft könnte darin liegen, den eigenen Ursprung gegenwärtig zu halten - die Reformation als immerwährendes Prinzip zu begreifen, wie das der Münchner evangelische Theologe Jörg Lauster formuliert hat. Martin Luthers Urenkel könnten kritische Masse sein gegen alles Festgefügte und Unhinterfragte, gegen jeden religiösen und politischen Dogmatismus. Sie wären Verunsicherungskraft gegen alles allzu Selbstgewisse. Es geht ja dem Land wie diesem Protestantismus: Reich und wohlgeordnet steht es da - und doch von der Ahnung bedrängt, dass es so nicht weitergehen kann. Frohgemuten Zweifel könnte dieses Land gut brauchen. Egal, wie viele Mitglieder die evangelische Kirche im Jahr 2117 haben wird.