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Evangelische Kirche: Nikolaus Schneider:Leben statt schweben

Ein geerdeter Nachfolger für Margot Käßmann: Der Teamspieler Nikolaus Schneider ist neuer Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche,. Er will seinen Glauben offensiv vertreten.

Er herzt sie alle: den in Ehren ergrauten Bischof wie die junge Synodale. Lange küsst er seine Frau Anne, die eine Rose für ihn in der Hand hält. Nur vier von 144 Teilnehmern stimmten gegen ihn, da darf man schon mal gerührt sein. Nikolaus Schneider, der neue Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, geht ans Pult im fensterlosen Tagungssaal des freudlosen Hotels am Flughafen Hannover. Er dankt dafür, dass "die Probezeit endlich zu Ende ist". Sie begann für ihn im Februar, als die EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann nach einer Alkoholfahrt zurücktrat und Schneider das Amt vorläufig übernahm.

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Ihm fehlt der Glamour, aber Deutschlands Protestanten schätzen die uneitle Art von Nikolaus Schneider, hier bei einem Gottesdienst in der Duisburger Salvatorkirche.

(Foto: REUTERS)

Er erinnert an den 9. November, die Reichspogromnacht, den Mauerfall und sagt, er wolle, "dass wir ein Zeugnis für die Menschenfreundlichkeit Gottes ablegen". Man muss Nikolaus Schneider, der nun der wichtigste Vertreter von 24,5 Millionen Protestanten in Deutschland ist, einfach gern haben, wie er da steht mit seiner Knollennase, den großen Ohren, dem freundlichen Gesicht, wie er sich freut und doch die Fähigkeit zur Selbstironie behält.

Wolfgang Huber, sein Vor-Vorgänger, dominierte die Kirche mit intellektueller Schärfe, Margot Käßmann schwebte manchmal über ihr, Nikolaus Schneider lebt in ihr. Er ist Teamspieler, ein begeisterter Fußballer und Torwart - ein kleiner Torwart allerdings. Die müssen immer ein wenig schneller reagieren und die Flugbahn des Balles besser kennen als lange Kerle. Er sammelt Menschen um sich, die tun, was er will - weil sie es selbst wollen oder es zumindest glauben.

So auch an diesem Morgen: Es hatte Gegrummel gegeben unter den Synodalen. Zwei Kandidaten gab es für zwei neue Ratsmitglieder, manchen war das zu wenig. Zudem hielten viele den sächsischen Bischof Jochen Bohl, den Schneider als Stellvertreter wünschte, für wenig profiliert. "Druck mache ich jetzt nicht", sagte Schneider halblaut. Das führt in der Kirche oft zum Gegenteil des Gewünschten; "vor Gericht, auf hoher See und auf Synoden ist man in Gottes Hand", fügte er hinzu, grinste - und bekam seinen Willen. Bohl und die Ratsmitglieder Edeltraud Glänzer und Christiane Tietz wurden problemlos gewählt.

Es gibt die These, dass in einer Gesellschaft, in der das Casting mittlerweile zum Alltag gehört, keine Institution mehr darum herumkommt, ihre Führungsfiguren auch nach dem Glamour-Faktor auszusuchen. Wenn einer der Gegenbeweis dazu ist, dann ist es Nikolaus Schneider. Das ist sein Nachteil, sagen manche, die Käßmanns Charisma vermissen. Das ist aber auch seine Stärke. Er hat sich uneitel in den Dienst der Sache gestellt, als Käßmann ihr Amt aufgab, hat mit 63 Jahren noch einmal sein Leben umgeworfen: Noch zwei Jahre Präses im Rheinland, dann sollte der Ruhestand kommen. Jetzt musste er eine gelähmte EKD zusammenhalten, ihr Seelsorger sein.

Auch beim Thema Afghanistan bleibt er nett

Der ist ein Übergangskandidat, sagt man bei so jemandem schnell, damit aber würde man Nikolaus Schneider unterschätzen. Am Morgen des Dienstags noch hatte er die Castor-Blockaden als legitime Protestform bezeichnet, in seinem Ratsbericht sich gegen eine Verlängerung der Atomlaufzeiten ausgesprochen und sich skeptisch zum Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan geäußert - so nett, dass niemand wirklich empört sein kann, so klar, dass deutlich wird, wofür der neue Ratsvorsitzende steht.

Am meisten hat er in der Debatte um die Präimplantationsdiagnostik (PID) riskiert. Es gibt einen Beschluss der EKD aus dem Jahr 2003, der fordert, die genetische Untersuchung künstlich gezeugter Embryonen zu verbieten. Er aber hat Sympathie für jene Paare geäußert, die sich zu dieser Untersuchung entschließen, und sich für eine begrenzte Freigabe der PID ausgesprochen. Das hat ihm empörte Anrufe aus der katholischen Bischofskonferenz eingebracht und Widerspruch aus den eigenen Reihen. Schneider ist bei seiner Position geblieben, er wolle "die Debatte ermöglichen", sagt er. Jetzt, wo er gewählt ist, will er seine Positionen noch offensiver vertreten.

Nun stehe ein Sozialpfarrer an der Spitze der EKD, sagen jene, denen die evangelische Kirche zu politisch ist. Die Zuschreibung "Sozialpfarrer" stimmt insofern, als dass Schneider in den 80er Jahren tatsächlich einer war - in Duisburg-Rheinhausen, wo die Arbeiter um den Erhalt ihres Stahlwerkes kämpften, und Schneider oft genug in einem der zahlreichen Demonstrationszüge zu finden war. Seinen Ratsbericht allerdings hat Schneider am Sonntag demonstrativ fromm begonnen, um möglichen Kritikern zu zeigen: Das gehört genauso zu mir.

Er hat sich, aus einem religionsfernen Elternhaus stammend, seinen Glauben erkämpft, und manchmal war es schwer, diesen nicht zu verlieren. Vor fünf Jahren starb Meike, die jüngste Tochter der Schneiders, an Leukämie. Eine tiefe Lebenskrise sei das gewesen, sagt er. Der Glaube aber habe seine Familie bestärkt - der Glaube an den trotz allem menschenfreundlichen Gott, von dem er kurz nach seiner Wahl redet.