Evangelische Kirche:„Es hätte nicht noch mehr Leid sein müssen“

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Missbrauchsbetroffene fordern den Hannoverschen Landesbischof Ralf Meister zum Rücktritt auf. (Foto: Moritz Frankenberg/dpa)

Die Hannoversche Landeskirche diskutiert über den Umgang mit sexualisierter Gewalt. Besonders im Fokus der Kritik steht Landesbischof Ralf Meister.

Von Annette Zoch

Irgendwann ging Nancy Janz, damals eine Jugendliche, zur Frau des Kirchenvorstehers – „ich wollte einfach, dass es aufhört, weil er nicht auf mein Nein hörte“. Er, das war ein evangelischer Pastor in Celle. Er, so erzählt es Nancy Janz an diesem Freitag in leisen Worten vor der Landessynode der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, habe sich der Vergebung und Gnade Gottes sicher sein können. Seinen Schmutz, den habe er an ihr hinterlassen.

Der Kirchenvorsteher habe mit dem Pastor gesprochen, weitere Konsequenzen gab es nicht. „Außer, dass das Tuscheln begann, das Murmeln um mich herum“, erzählt Nancy Janz. „Heute weiß ich, dass es noch viele weitere junge Frauen vor und vor allem nach mir gab. Es hätte nicht noch mehr Leid sein müssen, wäre jemand gegen dieses Unrecht aufgestanden.“ Später wandte sie sich an die zuständige Hannoversche Landeskirche und die Begriffe, die sie dann wählt, sprechen für sich: Überfordert, die Institution schützend, ausweichend, intransparent und manipulativ seien die Reaktionen im Kirchenamt gewesen.

„Erhebliches Versäumnis“ wirft eine Kommission dem Landeskirchenamt vor

Nancy Janz ist heute Sprecherin des Beteiligungsforums Sexualisierte Gewalt bei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). In eindringlichen Worten schildert sie dem Kirchenparlament, das noch bis Sonntag im Kloster Loccum bei Hannover tagt, ihre Erfahrungen. Mit 2,4 Millionen Mitgliedern ist die Landeskirche die größte der 20 evangelischen Gliedkirchen. Deren Landesbischof Ralf Meister ist seit 2011 im Amt und damit einer der dienstältesten leitenden Geistlichen in der evangelischen Kirche. Und seit Monaten steht der 62-Jährige besonders in der Kritik.

Mitte Februar hatte eine unabhängige Kommission sexuelle Übergriffe durch einen Diakon in Ausbildung in einer Gemeinde in Oesede im Kirchenkreis Melle-Georgsmarienhütte untersucht. Der Mann hatte Ende der 1970er-Jahre mindestens acht Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht. Dem Landeskirchenamt warf die Kommission dabei ein „erhebliches Versäumnis“ vor.

So habe das Landeskirchenamt die Gemeinde im Jahr 2010 nicht über die Vorwürfe einer Betroffenen informiert. Die sei als „erhebliches Versäumnis“ zu werten, weil eine zeitnahe Aufarbeitung deshalb unterblieben sei. Noch härter fällt das Urteil für den Zeitraum zwischen den 1970er Jahren und 2010 aus: Damals hätte das Kirchenamt Pastor und Kirchenvorstand geschützt, den Kindern habe niemand geholfen. „Man kann es nicht anders nennen als Vertuschung“, sagte Wolfgang Rosenbusch, ehemaliger Vorsitzender Richter am Landgericht Hannover, bei der Vorstellung des Berichts im Februar.

In einem offenen Brief äußern Pastoren und Diakone scharfe Kritik

Zu Beginn der Landessynode erneuerten mehrere Missbrauchsbetroffene ihre Kritik an Landesbischof Meister – und forderten in einem Brief, der der Süddeutschen Zeitung vorliegt, seinen Rücktritt. Immer wieder seien sie als Betroffene im Kirchenamt enttäuscht worden, Hinweisen sei nicht nachgegangen worden, Kirchengemeinden seien nicht informiert worden, die Fachstelle für sexualisierte Gewalt sei überfordert gewesen. Auf entsprechende Hinweise hätten sie noch im Jahr 2018 vom Sekretariat zur Antwort bekommen: Der Landesbischof habe jährlich „durchschnittlich 2000 Termine“ zu absolvieren, das Engagement für Betroffene gehöre nicht dazu. „Es zeigt sich, dass die Landeskirche Hannovers völlig versagt, was die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt betrifft“, schreiben die Betroffenen weiter. Landesbischof Meister müsse hierfür die Verantwortung tragen.

Auch 200 Pastorinnen, Pastoren, Diakone und kirchliche Mitarbeitende hatten einen offenen Brief veröffentlicht und scharfe Kritik geübt: „Das Verhalten kirchenleitender Verantwortlicher hat unser Vertrauen in die Kirchenleitung beschädigt“, schreiben sie.

Landesbischof Ralf Meister sagte am Freitag, ein Bischof sei ein Pastor und ein Seelsorger – da habe er im Umgang mit Betroffenen sexualisierter Gewalt Fehler gemacht. Die Anklage der Betroffenen sei eine „Autorität sui generis“. Er wies zugleich Verantwortung von sich: Er leite nicht das Landeskirchenamt. Einen Rücktritt hatte er bereits am Mittwoch ausgeschlossen, er sehe dafür keinen Anlass.

Auch die kirchenleitenden Gremien hatten sich hinter ihren Landesbischof gestellt: Sie seien überzeugt, „dass Ralf Meister seiner Verantwortung als Landesbischof gerecht wird, auch, indem er Fehler im Umgang mit Betroffenen eingeräumt und konkrete Verbesserungen eingeleitet hat“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung.

Doch auch Detlev Zander, einer der beiden Betroffenensprecher im Beteiligungsforum, legt Meister inzwischen den Rücktritt nahe. Das Band zwischen Fachstelle und Betroffenen sei „zerrissen“, sagte er in einem Interview mit dem NDR, der Prozess der Aufarbeitung gestört. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass man das wieder kitten kann.“

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