Evangelische KircheDie Welt als Seufzergemeinschaft

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Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm bei der digitalen Synode.
Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm bei der digitalen Synode. EKD/EKD

Auf der EKD-Synode zitiert ein Bischof Charlie Brown - und deutet damit an: Auch die Kirche steht vor harten Zeiten. Ein schwieriges Thema wird bei der virtuellen Tagung des Kirchenparlaments aber zunächst nicht angesprochen.

Von Annette Zoch, München

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"Seufz!", zitiert Christian Stäblein, Bischof der evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg-Oberlausitz, den Jungen Charlie Brown aus der Cartoon-Reihe Peanuts. Eine Seufzergemeinschaft sei die Welt, dieser Tage ganz besonders, sagt Stäblein in seiner Predigt im Eröffnungsgottesdienst zur EKD-Synode im hessischen Erbach-Eltville. "Die ganze Schöpfung seufzt und stöhnt vor Schmerzen."

Ein großes "Seufz" liegt an diesem Sonntag auch über der Tagung des obersten Kirchenparlaments der evangelischen Kirche in Deutschland. Geseufzt, manchmal sogar geschimpft, wurde angesichts der Umstände der Tagung. An diesem Sonntag trafen sich die rund 130 Synodalen nicht wie sonst bei fair gehandeltem Kaffee in stickigen Tagungsräumen, sondern im virtuellen Raum, jeder für sich vor einem Computerbildschirm ("Wer sich in der Abstimmung enthalten will, der klickt bitte die blaue Kaffeetasse").

Glauben als Kraftquelle in Corona-Zeiten

Aber auch die Themen, die die Kirche selbst beschäftigen, sind alles andere als leicht. Vor allem mit der Zukunft einer kleiner werdenden Kirche wollten sich die Synodalen beschäftigen. Die Corona-Pandemie hat die ohnehin schon existierenden Probleme - weniger Mitglieder, weniger Geld - nur verschärft. Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm plädierte dafür, als Kirche die Bedeutung des christlichen Glaubens als Kraftquelle stärker herauszustellen.

"Nach acht Monaten Pandemie brauchen wir als Gesellschaft in der öffentlichen Kommunikation neben dem richtigen Handeln auch stärkende Worte", sagte Bedford-Strohm. "Denn wir sind in diesen Tagen eine verwundete Gesellschaft." Christen seien gefragt, "Glauben gerade jetzt mit unserem Leben zu bezeugen. Denn unser Land braucht beides: zum einen die Resilienz, um mit Dingen umzugehen, die nur bedingt zu ändern sind, sowie die Geduld, das auch über längere Zeit durchzuhalten".

Bedford-Strohm ging auch auf den Vorwurf ein, die Kirche habe während der ersten Ausgangsbeschränkungen im Frühjahr geschwiegen und Alte und Sterbende alleingelassen. Die Kirche müsse sich fragen, "wo wir anderen etwas schuldig geblieben sind", sagte Bedford-Strohm. "Am meisten und am schmerzlichsten stellt sich diese Frage bei dem Gedanken an die Menschen, die gestorben sind, ohne dass jemand bei ihnen war, obwohl sie sich das gewünscht hätten." In einer Schweigeminute gedachte der Ratsvorsitzende den in der Corona-Pandemie Verstorbenen.

Thema sexualisierte Gewalt ausgespart

Mit keinem Wort erwähnte Heinrich Bedford-Strohm in seinem mündlichen Ratsbericht allerdings das Thema sexualisierte Gewalt unter dem Dach der evangelischen Kirche, dies löste Kritik aus. "Der Wert eines Themas lässt sich nicht daran bemessen, ob ein Thema in jedem Bericht vorkommt", sagte der EKD-Chef auf einer Pressekonferenz am Rande der Synode.

Betroffene hatten vor Beginn der Synode die schleppende Aufarbeitung in der evangelischen Kirche scharf kritisiert. Der erst vor Kurzem gegründete Betroffenenbeirat war zur Synode nicht eingeladen worden. Synodenpräses Irmgard Schwaetzer hatte dies damit begründet, den Betroffenen im digitalen Format nicht gerecht werden zu können. Die Betroffenen selbst waren nach eigenen Angaben dazu aber gar nicht erst befragt worden. Der Bericht des Beauftragtenrats zur Aufarbeitung der sexualisierten Gewalt soll am Montag in schriftlicher Form eingebracht und dann auf der Synode beraten und beschlossen werden.

Starker Einbruch der Kirchensteuer

"Es wird kontrovers werden", hatte Schwaetzer vor Beginn der Diskussionen gesagt. Sie meinte damit allerdings nicht die Debatte um den Umgang mit Missbrauch, sondern die "Zwölf Leitsätze zur Zukunft einer aufgeschlossenen Kirche". Das Papier konstatiert eine "tieferliegende Glaubenskrise" und einen gesellschaftlichen Bedeutungsverlust der Kirche. Um dem entgegenzuwirken, hat das "Zukunftsteam Z" der EKD, das das Papier verfasst hat, eine Reihe von Vorschlägen.

Unter anderem sollen mehr junge Menschen gewonnen, Doppelstrukturen abgebaut und Allianzen mit Nichtregierungsorganisationen und anderen Religionsgemeinschaften geschmiedet werden, wo die eigene Kraft nicht mehr ausreicht. Allseits begrüßt wurde von den Synodalen, dass die zwölf Leitsätze nach massiver Kritik im Sommer überarbeitet worden waren. Unter anderem war damals davon die Rede, dass Gemeinden als Basis der Kirchen künftig eine untergeordnete Rolle spielen würden. Der Vorschlag, einen reduzierten Kirchensteuersatz für Berufseinsteiger anzubieten, fand sich am Ende nicht mehr im Zukunftspapier.

Das Thema Geld ist allerdings drängend: Für 2020 rechnet die Kirche - durch den Corona-bedingten Wirtschaftseinbruch - mit einem Rückgang der Einnahmen aus der Kirchensteuer zwischen 8,5 und 11,5 Prozent, teilte der Leiter der Finanzabteilung der EKD, Carsten Simmer, am Sonntag mit. 2019 hatten die 20 Landeskirchen einen Rekordwert von 5,9 Milliarden Euro Kirchensteuereinnahmen erzielt. Die Finanzplaner der EKD wollen deshalb bis 2030 rund 17 Millionen Euro im Vergleich zum Haushalt 2019 einsparen. Heutige Aufgaben und Ausgaben könnten nicht einfach fortgeschrieben werden, sagte das für Finanzen zuständige EKD-Ratsmitglied Andreas Barner. Ohne Gegenmaßnahmen würde der EKD-Haushalt 2030 einen Fehlbetrag in Höhe von rund neun Millionen Euro erreichen.

Auch sinnvolle Ausgaben auf der Streichliste

Die EKD-Finanzexperten haben dafür eine Streichliste vorgelegt, die Kürzungen von Zuschüssen etwa für kirchliche Hochschulen, die Frauen- und Männerarbeit sowie die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen vorsehen. Das Zukunftspapier und die Finanzstrategie sollen am Montag von der Synode endgültig verabschiedet werden.

Bedford-Strohm erwartet schmerzliche finanzielle Einschnitte. Es müssten möglicherweise auch Ausgaben gekürzt werden, die eigentlich sinnvoll sind, die die Kirche aber nicht mehr weiter finanzieren könne, sagte er dem EPD.

Schweigen werde die Kirche künftig aber nicht, sagte Bischof Stäblein in seiner Predigt. "Wach auf, Kirche. Du wirst gebraucht." Und kurz vor Beginn einer Adventszeit unter Corona-Bedingungen sagte Bedford-Strohm, er hoffe, dass überall im Land die Botschaft "Fürchtet Euch nicht!" verkündet werden könne - sodass sie die Herzen und Seelen der Menschen erreiche. "Draußen und in Ski-Unterwäsche werden wir kraftvoll ökumenisch feiern", sagte Bedford-Strohm. Das sei der Kern der Weihnachtsbotschaft: Gott werde Mensch, nicht Deutscher, nicht Europäer. "Der Horizont auch zur Überwindung der Pandemie ist ein weltweiter."

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