"Euthanasie"-Morde der Nazis:Entkleidet, gestempelt und dann in die Gaskammer geführt

Am Ziel wurden die Menschen entkleidet, mit einem Stempel auf Schulter oder Arm nummeriert und in einen Gemeinschafts-Duschraum gebracht, der zur Gaskammer umgebaut worden war. Dieselmotoren bliesen Kohlenstoffmonoxid in den Raum; durch ein Fenster sah ein Arzt dabei zu, wie die Kranken starben.

Die Täter gaben sich sehr wohl Mühe, ihr Tun zu verschleiern. Die Leichen wurden umgehend kremiert; die Angehörigen erhielten eine Nachricht, dass der Patient erkrankt, gestorben und bereits eingeäschert worden sei.

Friedhof von Hadamar, 1945

Auf diesem Friedhof liegen die in der Tötungsanstalt Hadamar ermordeten Menschen begraben. Etwa 14.500 Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen wurden in Hadamar ermordet. Die Aufnahme entstand 1945.

(Foto: SZ Photo)

Kurz zuvor hatten die Verwandten so kurze wie verstörende Mitteilungen erhalten: Der Onkel, der Ehemann, der Vater oder auch die Tochter, wie im Fall der kleinen Elisabeth, sei in eine unbekannte Anstalt verlegt worden. Es sollte keinen Ort geben, an dem sich die Angehörigen beschweren konnten.

Geheimhalten aber ließen sich die Morde nicht. Die Menschen schöpften Verdacht. Und als sich öffentlich Widerstand regte, stellten die Nationalsozialisten die "Aktion T4" im August 1941 ein.

Doch der Protest hatte nur vordergründig Erfolg: Getötet wurde nach wie vor, nur die Methoden änderten sich. Statt die Patienten in zentrale Anstalten zu deportieren und dort zu vergasen, wurden sie nun in den einzelnen Pflegeanstalten so lange gezielt vernachlässigt und mangelernährt, bis sie starben. Diese "dezentrale Euthanasie" hielten die Nationalsozialisten bis zum Kriegsende aufrecht. Und noch in den Monaten nach dem Waffenstillstand starben Patienten an Entkräftung.

Eine Nahrung ohne Fett und Nährstoffe

In den Akten kämen verstärkt Todesursachen wie Lungenentzündung, Tuberkulose oder Durchfall vor, sagt Sibylle von Tiedemann. Doch die Krankheiten waren kein Zufall, der Tod war kalkuliert. Valentin Faltlhauser, der Leiter der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren, hatte zuvor mit einer Nahrung aus Wasser und abgekochtem Gemüse experimentiert, die keinerlei Fett und überhaupt kaum Nährstoffe enthielt.

Diese Hungerkost machte die Patienten anfällig: Sie verhungerten nicht, sondern starben zuvor an Krankheiten, denen ihr geschwächter Körper keinen Widerstand mehr entgegensetzen konnte.

Und die Kaufbeurer Hungerkost wurde zum Vorbild: In einem Erlass vom Herbst 1942 schrieb Walter Schultze, Ministerialrat im bayerischen Innenministerium, den Leitern der Heil- und Pflegeheime diese Ernährungsart vor. Ihr Erfinder Faltlhauser rechtfertigte die Mangelernährung später damit, die Patienten hätten nicht gearbeitet, also hätten sie auch weniger Kalorien gebraucht.

Und die Ärzte? Hemmungen, Kranke verhungern zu lassen, hätten zwar durchaus mehrere Mediziner, Pfleger oder Krankenschwestern gespürt, sagt Michael von Cranach. Einzelne Ärzte beispielsweise hätten die Anstalten verlassen und eigene Praxen eröffnet, die Kündigungszahlen gingen deutlich nach oben. Einer von ihnen war Friedrich Hölzel, der Leiter der Kinderabteilung in Eglfing-Haar: ein SA-Mann, der es nicht über sich brachte, Kinder zu töten. Er quittierte den Dienst. Offenen Widerstand aber gab es selten.

Der Erlass ging auch an Hermann Pfannmüller, den Leiter der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar. Hier wurden zwei "Sonderkost-Häuser" eingerichtet, deren Bewohner hungern mussten. Ihre Tode sind gut dokumentiert: Die Ärzte fertigten detaillierte Gewichtslisten an; sie läsen sich wie Dokumentationen des Verbrechens, sagt Cranach.

"Ich wiege nur noch 40 Kilogramm, was wiegst Du?"

In den Krankenakten fänden sich nun außerdem lapidare Vermerke wie "Patient nimmt wenig Nahrung zu sich", erzählt Sibylle von Tiedemann. Auch Briefe seien erhalten, in denen die Insassen der Hunger-Häuser ihre Angehörigen darum baten, ihnen Essen zu schicken. "Ich wiege nur noch 40 Kilogramm, was wiegst Du?" Dieser Satz aus einem der Briefe blieb Tiedemann im Gedächtnis haften. Doch es kam keine Hilfe. Die ärztlichen Bewacher hielten die Briefe zurück.

Auch Elisabeths Mutter erhielt keine Antwort auf ihr verzweifeltes Schreiben. Der Brief trägt einen Eingangsstempel vom 12. August. Doch als er die Klinik in Kaufbeuren erreichte, war das Mädchen vermutlich bereits tot.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB