Wahlanalyse:Die FDP: Nirgendwo ganz Zuhause

Für die Liberalen ist dieser Wahlsonntag kein Fest geworden. Und das, obwohl sie sich zuletzt wieder ziemlich selbstbewusst und laut präsentierte. Das indes hatte viel mit der wachsenden Kraft der europäischen Liberalen zu tun, die sich eng mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron verbündet haben. Die deutsche FDP aber konnte daraus keine große Stärke ziehen, und das, obwohl sie am Zustandekommen dieses Bündnisses tatkräftig beteiligt war.

Trotzdem kämpfte die FDP mit ihrem Parteichef Christian Lindner und der Spitzenkandidatin Nicola Beer gegen ein weit verbreitetes Grundgefühl an, dass die Liberalen zurzeit keine ganz große, gar zündende Idee haben. Lautstärke und satte Farben sollten in der Wahlkampagne den Mangel an tatsächlicher politischer Energie ausgleichen. Das heißt nicht, dass sie sich nicht in den Wahlkampf gestürzt hätten; es heißt, dass die heftigsten Debatten an ihnen vorbei gingen.

Am stärksten dürfte das der Fall gewesen sein beim Thema Klima. Mit seiner Äußerung, Klimapolitik müsse man den Profis überlassen, hatte sich Lindner aus Sicht vieler Beobachter selbst aus der Klimapolitik herausgenommen. Dabei wollte er eigentlich das Gegenteil; er wollte mitspielen. Das aber ist ihm nicht wirklich und erst recht nicht ausreichend gelungen.

Hinzu kommt das Ergebnis der Liberalen in Bremen. Vor fünf Jahren hatte hier ihr wiederaufstieg aus den Trümmern des Jahres 2013 begonnen. Dieses Mal müssen sie froh sein, dass sie gerade nochmal ins Stadtparlament einziehen. All das zeigt: Die FDP muss dringend mehr sein als eine Begleiterin aktueller Debatten. Sie braucht einen klugen und in Teilen überraschenden Entwurf für die Zukunft; andernfalls läuft sie Gefahr, bei vielem plötzlich nur noch an der Seitenlinie zu stehen.

AfD: Sie fühlt sich stabil und dürfte doch nachdenklich werden

Natürlich wird sich die AfD auch nach diesem Sonntag als starke Kraft feiern. Und sie wird so tun, als gebe es für sie keine Schattenseiten. Knapp zweistellig geworden bei der Europawahl - da kann Parteichef Alexander Gauland durchaus behaupten, er habe sein Ziel erreicht.

Tatsächlich lautete seine Losung: zweistellig. Gleichzeitig sagt das einiges aus über die neue Perspektive. Vor kurzem nämlich hätte ihm das kaum gereicht, um wirklich zufrieden aufzutreten. Mittlerweile aber spürt die Partei, dass ihr großes Thema Flüchtlingspolitik mit dem Teilrückzug von Angela Merkel an Kraft eingebüßt hat. Mehr noch: schaut man sich die Analysen der Umfrageinstitute an, dann ist ein anderes Thema deutlich wichtiger geworden. Es heißt: Klima. Und hier hat es die AfD nicht geschafft, sich ein eigenes Profil zu geben, mit dem sich offensiv punkten ließe.

Hinzu kommt an diesem Tag etwas Zweites: ein Blick nach Bremen zeigt, dass die AfD nicht davor gefeit ist, abzustürzen. Noch sieht es so aus, als schaffe sie den Einzug in das Bremer Stadtparlament. Sollte es in der Nacht aber noch anders kommen, dann verliert sie plötzlich den Nimbus, in allen Parlamenten zu sitzen. Das würde nicht so recht passen zur eigenen AfD-Erzählung, die große Kraft zu sein, auf die Deutschland schon lange gewartet habe.

Die Linke: Irgendwie dabei und dann doch fast ohne Bedeutung

Die Linke wird mal wieder hin- und hergerissen sein. Und das zurecht. Sie hat in Bremen nach etwas gewonnen und in Europa etwas verloren. Im Grunde genommen aber ist sie fast in ihrem beinahe schon einzementierten Korridor geblieben.

Bei genauerem Blick allerdings bröckelt dieser. Und das zeigt: Ohne Sahra Wagenknecht ist es fürs Erste nicht besser geworden. Spannend wird sein, was das für Debatten auslöst in einer Partei, die zurzeit wenige neue Ideen, aber dafür umso mehr interne Kontroversen liefert.

Wenn sie ehrlich zu sich ist, dann muss die Linke einräumen, dass sie zwar immer wieder gerne über rot-rot-grüne Projekte redet, aber zur Erreichung dieses Zieles kaum etwas beiträgt. Das gilt insbesondere dann, wenn es um die Bundesebene geht. Dort bewegt sich auf dieser Seite des politischen Spektrums fast nichts mehr, und das seit langem.

Anders ist das nur in Bremen. Und darauf werden sich die Linken am Abend dieses Tages denn auch stürzen. Hier sieht vieles nach einer Regierungsbeteiligung aus - sollte sich der Sozialdemokrat Carsten Sieling nicht doch noch umentscheiden. Solange er aber hinter den Christdemokraten ins Ziel kommt, wird er sich keinesfalls auf das Experiment große Koalition einlassen.

Und doch: So schön die neue Regierungsbeteiligung für die Linke in Bremen auch sein dürfte: der Trend ist nicht wirklich auf ihrer Seite. Auch wenn sie bei der Europawahl keine fünf-Prozent-Hürde fürchten musste - setzt sich fort, was sich an diesem Sonntag andeutet, dann könnte es für die Linke alsbald gefährlich werden.

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