Süddeutsche Zeitung

Europawahl:Die lange Nacht der Macht

Die Grünen feiern mit Bier und veganen Häppchen, Christ- und Sozialdemokraten haben nicht einmal gemeinsam eine Mehrheit und Manfred Weber lässt sich erst spät blicken. Beobachtungen aus der EU-Hauptstadt.

Wenn Brüssel noch einmal den Eurovision Song Contest austragen sollte, der Plenarsaal des Europäischen Parlaments würde sich als Veranstaltungsort anbieten. Ein riesiger Bildschirm als Hintergrund, umgeben von sich bewegenden Lichtelementen, und auf dem Bühnenboden zwölf freundlich leuchtende Lichtsterne - für 28 war wohl kein Platz. Auch auf der Bühne präsentierte sich am Wahlabend eine Berühmtheit nach der anderen, jedenfalls in Brüsseler Maßstäben gemessen. Der Hauptact des Abends aber trat erst ganz am Ende auf, sozusagen als Zugabe: Kurz nach Mitternacht äußerte die dänische Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager erstmals öffentlich, was schon lange kein Geheimnis mehr war: Sie will Jean-Claude Juncker an der Spitze der EU-Kommission nachfolgen.

Gut drei Stunden zuvor hatten am Sonntagabend bereits die Fraktionschefs auf der Bühne gesprochen: Ska Keller von den Grünen, Guy Verhofstadt von den Liberalen, Udo Bullmann für die Sozialdemokraten. Und Esther de Lange.

Esther wer? Die niederländische Politikerin ist zwar immerhin stellvertretende Vorsitzende der Christdemokraten im Europäischen Parlament, aber selbst in der Brüsseler Blase kaum jemandem bekannt. Kein Wunder: Im Wahlkampf drehte sich alles um den Spitzenkandidaten Manfred Weber (CSU), der gerne Kommissionspräsident werden möchte. Ausgerechnet der aber ließ sich am Sonntagabend lange nicht blicken, weil er nach den ersten Hochrechnungen erst noch in Berlin auftrat, um dann in den Flieger zu steigen. Bei der ersten großen Pressekonferenz des Abends musste Esther de Lange ihn vertreten, und hatte die undankbare Aufgabe, angesichts des nicht allzu deutlichen Ergebnisses Optimismus zu verbreiten: "Die Europäische Volkspartei hat gute Chancen, die stärkste Kraft im Parlament zu werden", sagte sie. Noch vor fünf Jahren war das eine Selbstverständlichkeit.

In diesem Jahr aber sind es vor allem die Grünen, die feiern, bei Flaschenbier und veganen Häppchen. Lauter Jubel bricht aus, als die Spitzenkandidaten Ska Keller und Bas Eickhout und der Co-Fraktionsvorsitzende Philippe Lamberts den Sitzungssaal im vierten Stock des Europaparlaments betreten, in dem die Grünen an diesem Abend Quartier bezogen haben, um eine "wundervolle grüne Nacht" zu feiern, wie es Eickhout nennt. Die Grünen haben nicht nur in Deutschland zugelegt, ins neue Europaparlament dürften sie darum deutlich mehr Abgeordnete entsenden als bisher. Das Wahlergebnis sei ein "großartiger Sieg", ruft Ska Keller ins Publikum, mit dem aber auch eine große Verantwortung einhergehe, die Ziele aus dem Wahlkampf nun wirklich umzusetzen: den Kampf gegen den Klimawandel, für mehr soziale Gerechtigkeit und mehr Bürgerrechte.

Allein: Über Themen wollen an diesem Abend vor allem die Spitzenkandidaten reden, die meisten anderen reden lieber über die Spitzenkandidaten, beziehungsweise über die Frage, ob wirklich einer von ihnen Kommissionspräsident werden könnte, und wenn ja, wer, und ob nicht doch die Liberale Margrethe Vestager die besseren Chancen haben könnte.

Im neuen Parlament haben Christ- und Sozialdemokraten erstmals nicht einmal mehr gemeinsam eine Mehrheit, um diese wichtige Personalfrage alleine klären zu können. Manfred Weber will am Montag bei der Versammlung der Fraktionsvorsitzenden versuchen, die anderen Parteien zumindest schon einmal die Zusage abzuringen, dass nur einer der Spitzenkandidaten aus dem Parlament Kommissionspräsident werden kann.

Am Sonntagabend kommt Weber aber erst einmal zur EVP-Wahlparty. "Good evening, Brussels", ruft er in einem Hotelsaal unweit des Parlaments. Er lächelt viel, und freut sich wohl vor allem darüber, dass gegen die EVP "keine stabile demokratische Mehrheit" gebildet werden könne, wie er sagt. Und dann sagt er noch, dass man an diesem Abend "auch einen Drink" nehmen könne. Dann verschwindet Weber auch schon wieder. Er muss weiter ins Parlament, wo schon die anderen Spitzenkandidaten auf ihn warten.

Für die Sozialdemokraten ist dies Frans Timmermans. Dessen Anhänger versammelten sich am Sonntag in einer Bar, ein paar Schritte weiter.

Draußen hört man Livemusik, drinnen Zweckoptimismus angesichts der dramatischen Verluste der SPD in Deutschland: "Solange die Grünen profitiert haben und nicht die AfD...", sagt Tim Wagelaar, Jungsozialist aus den Niederlanden. Er habe darauf gewettet, dass die S&D am Ende 151 Mandate erhält: "Das kann noch klappen." Dass das neue Europäische Parlament immer fragmentierter wird, findet er ebenso wenig schlimm wie Marleen, ebenfalls Jungsozialistin aus den Niederlanden: "Bei uns ist das genauso, da braucht es eben mehr Kompromissfähigkeit."

Doch jubeln können sie auch, die Holländer, die in der Kneipe am lautesten sind. "We want Frans, we want Frans", brüllen sie, als der Spitzenkandidat um kurz nach 23 Uhr durch den Nieselregen eilt. Er wird gefeiert, als hätte er die Sozialdemokraten zur stärksten Kraft gemacht. "Ich möchte mich bei euch allen bedanken, für euren Einsatz für Europa", ruft er.

Dass die Wahlbeteiligung nach zwei Jahrzehnten gestiegen sei, das sei ein enormer Erfolg - und zeige, dass Hass in Europa keine Chance habe. Aber Timmermans, bisher Erster Vizepräsident der EU-Kommission, weiß als Polit-Profi, dass es nun darum geht, seiner Botschaft Gehör zu verschaffen. "Ich verspreche euch, mit aller Kraft dafür zu kämpfen, dass wir eine progressive Mehrheit erreichen", sagt der Niederländer, bevor auch er hinüber ins Europaparlament geht.

Dabei weiß Timmermans genau, wie fast alle im Publikum, dass es gerade die dramatischen Verluste der SPD sind, durch die sich seine Chancen, Nachfolger von Jean-Claude Juncker zu werden, nicht gerade erhöht haben.

Und dann wäre da noch Margrethe Vestager, die liberale Dänin, die im Wahlkampf offiziell nicht Spitzenkandidatin, sondern Teil eines siebenköpfigen Spitzenteams war, und nun doch sagt, dass sie Kommissionspräsidentin werden will. Die nächsten Tage müssen zeigen, ob sie sich im Machtkampf gegen Weber und Timmermans durchsetzen kann. In ihrer eigenen Parteienfamilie ist ihr das schon gelungen.

Auf dem Bildschirm im Plenarsaal gab es jedenfalls keinen Zweifel: In der Galerie der Spitzenkandidaten waren die Liberalen nicht mehr einem Gruppenfoto vertreten. Sondern nur mit ihrem.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4464112
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 27.05.2019
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.