Europawahl 2024:Wer hat wen gewählt?

Lesezeit: 3 min

In Wahltagsbefragungen ermitteln Umfrageinstitute, welche Personengruppen welche Partei wählen. (Foto: SZ-Grafik; Foto: imago)

Jugendliche durften bei der Europawahl 2024 erstmals abstimmen – entschieden haben aber die Alten. Grafiken zeigen, wo die Grünen die Wahl verloren haben und bei welchen Bevölkerungsgruppen das BSW beliebt ist. Eine Analyse der Nachwahlbefragungen.

Von Sören Müller-Hansen, Alexandra Ketterer, München

Die Union hat die Europawahl 2024 in Deutschland mit gut 30 Prozent der Stimmen gewonnen, fast doppelt so viel wie die zweitplatzierte AfD mit etwa 16 Prozent. Das haben CDU und CSU vor allem ihrem starken Ergebnis bei älteren Menschen zu verdanken. Dabei durften in diesem Jahr erstmals Jugendliche ab 16 Jahren wählen. 2019 waren die Grünen bei den jungen Wählerinnen und Wählern noch die Wahlsieger, in diesem Jahr haben sich die Kräfteverhältnisse deutlich verschoben.

Die Analyse der Wählergruppen verdeutlicht aber nicht nur, wie unterschiedlich die Generationen wählen. Erstmals zeigt sich bei der Europawahl auch, für welche Verschiebungen das Anfang des Jahres neu gegründete Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) und die Europapartei Volt sorgen.

Die Jugend darf wählen, die Alten entscheiden

Auch wenn das Wahlalter bei der Europawahl 2024 in Deutschland auf 16 Jahre gesenkt wurde und damit mehr junge Menschen ihre Stimme abgeben durften: Gewonnen hat die Union die Europawahl vor allem deshalb, weil sie bei den Wählerinnen und Wählern über 60 Jahre stark ist. Dort liegt sie mit fast 40 Prozent mit großem Abstand vor der SPD, die auf gut 20 Prozent kommt.

Die Grünen haben die Wahl vor allem bei den jungen Menschen verloren. 2019 stimmten noch gut 30 Prozent der unter 30-Jährigen für die Partei, 2024 sind es nun mit etwa zwölf Prozent nicht einmal halb so viele – erhebliche Verluste also in der Kernwählerschaft. Hinzugewonnen haben bei den Jüngeren dafür die Europapartei Volt mit etwa neun Prozent und die AfD mit 17 Prozent. Beide Parteien sind vor allem in den Altersgruppen stark, bei denen Union und SPD schwach sind. Das BSW kommt unabhängig vom Alter auf etwa sechs Prozent der Stimmen.

Große Veränderungen im Vergleich zu 2019

Im Vergleich mit der vergangenen Europawahl im Jahr 2019 sind vor allem die kleineren und neuen Parteien deutlich stärker geworden, zulasten der Grünen. Die größten Verschiebungen gibt es bei den Jüngeren, bei denen keine Partei, die in Deutschland Regierungsverantwortung trägt, ein starkes Ergebnis erzielen kann.

Frauen wählen eher grün, Männer eher die AfD 

Wenig überraschend ist das unterschiedliche Wahlverhalten von Frauen und Männern. Bei Union, SPD, Linken und FDP waren die Anteile der Stimmen 2019 von beiden Geschlechtern jeweils fast gleich. Nur bei den Grünen und bei der AfD gab es deutliche Unterschiede.

Das gleiche Muster zeigt sich auch 2024: Die AfD ist mit fast 20 Prozent bei Männern deutlich beliebter als bei Frauen (zwölf Prozent). Frauen wählen zwar etwas häufiger grün, in beiden Gruppen muss die Partei aber erhebliche Verluste verbuchen.

Wähler mit höherem Bildungsabschluss wählen weniger konservativ

Für den klaren Sieg von CDU und CSU sind besonders Nicht-Akademiker verantwortlich: Wie auch bei der Wahl 2019 holt die Union die meisten Stimmen bei den Menschen mit Hauptschulabschluss. Außerdem konnte sie ihre Stimmanteile bei den Menschen mit Mittlerer Reife sogar noch deutlich ausbauen. Aber auch bei Menschen mit Abitur und Akademikern können sie mehr Wähler gewinnen als bei der vergangenen Wahl 2019.

Damals wie heute gilt allerdings: je höher der Bildungsgrad, desto mehr Stimmen für die Grünen. Trotzdem sind die Verluste bei Menschen mit Abitur bei dieser Wahl besonders hoch. Im Vergleich zu der Wahl 2019 hat sich der Anteil der Grünen-Wähler in dieser Bildungsschicht etwa um die Hälfte verkleinert. Das Gegenteil ist bei der AfD der Fall. Die konnte ihre Wählerschaft besonders bei den Menschen mit Hauptschul- und Realschulabschluss vergrößern. Aber auch mehr Menschen mit Abitur und Hochschulabschluss wählen die AfD.

Das BSW sammelt seine Stimmen in allen Bildungsschichten zu etwa gleichen Teilen. Die Linke schneidet bei Menschen mit Hauptschulabschluss besonders schlecht ab, und die FDP kann ihre Stimmanteile nur in der Gruppe der Hochschulabsolventen halten. Die Union gewinnt auch bei dieser Wahl die größten Stimmanteile in allen Berufsgruppen. Besonders bei den Beamten und Selbständigen ist die CDU/CSU beliebt, aber auch bei den Arbeitern und Angestellten ist sie stärkste Kraft.

Die AfD baut ihre Stellung als wachsende Arbeiterpartei weiter aus: Nach den Prognosen wählen sie ein Viertel aller Arbeiter. Holte die SPD bei der vergangenen Europawahl noch etwa gleich viele Stimmen, fällt sie in dieser Berufsgruppe nun deutlich hinter die AfD zurück.

Die Grünen verlieren ihre Wählerschaft in allen Berufsgruppen

Auch immer mehr Angestellte und Selbständige wählen die AfD. Bei den Beamten holt die Partei im Vergleich zu CDU/CSU, Grünen und SPD aber nur kleine Anteile. Bei diesen Gruppen konnten bisher auch die Grünen besonders punkten, doch bei dieser Wahl verlieren sie Wähler in allen Berufsgruppen. Große Anteile der Stimmen bekommen sie nur noch bei den Beamten. Ihre Wählerschaft bei den Angestellten, Selbständigen und Arbeitern geht dagegen stark zurück. Die Wählerschaft des BSW setzt sich zu etwa gleichen Teilen aus allen Berufsgruppen zusammen. Bei den Arbeitern kann es die meisten Stimmen gewinnen, bei den Beamten die wenigsten.

Die Umfrageinstitute erstellen ihre Prognosen am Wahlabend auf Basis der sogenannten Exit-Polls, also repräsentativen Wählerbefragungen nach der Stimmabgabe. Sie sammeln dabei auch Informationen darüber, wie die soziodemografischen Gruppen gewählt haben. 46 437 Personen wurden dafür am Wahlsonntag befragt. Um auch die Briefwahl abzubilden, flossen zudem 1232 telefonische Vorwahlbefragungen ein.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ PlusPolitische Kultur
:Die Realitätsverweigerer

Statt sich gegen die Rechtsextremen im Parlament zu wehren oder in der Klimakrise endlich zu handeln, diskutiert man in Deutschland lieber über Scheingefahren. Das ist auch viel bequemer.

Von Hilmar Klute

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: