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Europawahl 2009: Eindrücke:Schock und Aufatmen

Wolfgang Koydl über

Gordon Brown, AFP

Gordon's Crash: Die Europawahl ist für den britischen Premier ein weiterer Tiefschlag.

(Foto: Foto: AFP)

Großbritannien

Am Tag, an dem Europa wählen ging, besuchte Premierminister Gordon Brown jenen Teil Londons, in dem Labours erster Vorsitzender Keir Hardie vor mehr als hundert Jahren als erster Sozialist ins Unterhaus gewählt wurde. Am selben Abend wurde klar, dass die Partei von Brown und Hardie in der Wählergunst beinahe wieder bei ihren Anfängen angelangt ist: Nur 15 Prozent der Briten gaben den Sozialdemokraten ihre Stimme. So wenig waren es zuletzt 1910. "Crash Gordon" titelte das Boulevardblatt Sun über den Regierungschef, dem keinerlei Supermann-Aura nach Art eines Flash Gordon mehr anhaftet. Sein politisches Überleben stand nach diesen Resultaten erneut auf der Kippe, und am Montag musste er erneut einen Rücktritt in seinem Kabinett hinnehmen: Umwelt-Staatssekretärin Jane Kennedy gab auf. Am Montagabend sollte die aufgebrachte Labour-Fraktion zusammenkommen.

Keine andere Regierungspartei wurde vom Wähler derart abgestraft: Landesweit stürzte Labour auf den dritten Platz ab - hinter die Konservativen und die europafeindliche Unabhängigkeitspartei UKIP, die einen Austritt des Vereinigten Königreiches aus der EU propagiert. Es hätte nicht viel gefehlt, und die Sozialdemokraten wären von den Liberaldemokraten auf den vierten Rang verwiesen worden. Nur noch 13 Abgeordnete entsendet Labour ins neue europäische Parlament - sechs weniger als bisher.

Noch desolater wird das Bild, wenn man die einzelnen Regionen betrachtet: In Wales, einer anscheinend uneinnehmbaren Labour-Hochburg seit 1918, stürmten die Konservativen an den ersten Platz. In Schottland, Heimat von Keir Hardie ebenso wie von Gordon Brown, wurde Labour von den Nationalisten der SNP auf Rang zwei verwiesen. Und in Cornwall landete Labour gar auf dem sechsten Platz - noch hinter Mebyon Kernow, einer absolut bedeutungslosen Nationalistenpartei. Vom massiven Einbruch der Labour-Partei profitierten weniger die Konservativen oder die Liberaldemokraten, sondern Parteien am rechten Rand des politischen Spektrums wie UKIP. Obschon sie ihren Stimmenanteil nicht wesentlich erhöhen konnte, verfügt sie nun über ebenso viele Europa-Abgeordnete wie Labour.

Schockiert registrierten die Briten, dass die rassistische British National Party (BNP) zum ersten Mal bei einer landesweiten Wahl zwei Mandate erobern konnte. BNP-Führer Nick Griffin und der Alt-Nazi Andrew Brons, der seine Karriere in der britischen Nationalsozialistischen Bewegung begann, werden Sitz und Stimme in Straßburg haben. Wenn man berücksichtigt, dass auch Britanniens Konservative dezidiert eurokritisch eingestellt sind, ergibt sich, dass die britischen Wähler zu über 50 Prozent Parteien gewählt haben, welche die EU mehr oder weniger stark ablehnen. Die traditionell europafreundlichen Liberaldemokraten verloren leicht und schicken elf statt bisher zwölf Abgeordnete nach Straßburg. Einen Erfolg konnten die eindeutig proeuropäischen britischen Grünen verzeichnen.

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