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Europaspiele in Baku:Schneller, höher, anrüchiger

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Baku putzt sich heraus: Das Heydar Aliyev Center - entworfen von Architektin Zaha Hadid.

(Foto: AFP)

Autoritäre Staaten richten immer häufiger große Wettkämpfe aus. Wie bei den Europaspielen in Baku geht es um kalkulierte Inszenierung und Loyalität der Bevölkerung. Demokratische Länder haben es bei dieser Konkurrenz schwer.

In Baku lockt der Boulevard. Eng schmiegt sich die Promenade an das Kaspische Meer, Blümchen und Bäumchen sind hübsch drapiert, und noch dazu hat das Auge die Wahl zwischen Karawansereien, Prachtfassaden der Gründerzeit und modernen Hochhäusern in Form züngelnder Flammen. Aserbaidschan bietet gewaltige Amplituden, nicht nur im Städtebau. Ein reiches Land, in dem viele Menschen in Armut leben, ein Staat, der sich gern weltoffen sieht und doch abseits des Rampenlichts Kritiker massiv unterdrückt; eine Nation mit bisher überschaubarer sportlicher Ausbeute, die mit stoischem Trotz ein Großereignis nach dem anderen an Land zieht.

Von Freitag an ist Baku Ort eines Spektakels mit dem Namen Europaspiele, das überhaupt zum ersten Mal stattfindet und um das sich niemand gerissen hat außer Aserbaidschan. Im nächsten Jahr zieht der Formel-1-Zirkus nach Baku, und schon in wenigen Wochen kann das kasachische Almaty den Zuschlag für Olympische Winterspiele erhalten. Die Spiele in Sotschi und Peking waren schon, die Fußball-WM in Katar steht wohl bevor. Es wirkt, als seien die Organisatoren von Großereignissen schon gelangweilt von Berlin oder London, während Wüstenstaaten, der wilde Kaukasus und Mittelasien mit einer satten Extra-Portion Exotik wuchern.

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Im Fall der Länder der ehemaligen Sowjetunion gilt noch mehr: Nach Jahrzehnten im ideologischen Korsett der UdSSR ist der neue Nationalstolz der in ihre Eigenständigkeit entlassenen Republiken längst nicht gesättigt. Und so mischt sich hier zweierlei: der Wunsch, der Welt ein junges Land zu präsentieren und das innenpolitische Ziel, der eigenen Bevölkerung ein Ereignis zu schenken, das Dankbarkeit, Demut und Loyalität gegenüber der staatlichen Führung verlangt. Dass diese Staaten häufig autoritär regiert werden und die Grenzen zwischen Gastgeberstolz und kalkulierter Inszenierung verschwimmen, ist natürlich kein Zufall.

Autoritäre Staaten erobern den Sport

Sport und Spiele im 21. Jahrhundert auszurichten, ist zu einem teuren und gigantischen Projekt geworden, das umso mehr den Rückhalt der Bevölkerung braucht. In München etwa oder Berlin hält sich der Enthusiasmus in Grenzen. Anders in autoritären Ländern. Schwer vorstellbar ist in Katar oder Kasachstan, in Usbekistan oder Aserbaidschan eine aufflammende öffentliche Debatte, ob das Geld nicht besser in ein neues Netz von Kindertagesstätten, in Bildung oder Wasserleitungen investiert wird als in Rennpisten und überdimensionierte Sportpaläste. Hier treffen sich also die Interessen mächtiger Sportverbände mit denen mächtiger Präsidenten, die offenen Diskurs und schmerzliche Kompromisse scheuen.

Demokratische Länder haben es bei dieser neuartigen Konkurrenz zunehmend schwer. Und auch die Politiker in den Demokratien geraten mehr und mehr in missliche Lagen, denn sie müssen sich nun mit Fragen befassen, die sich früher selten stellten. Reist die Kanzlerin zur Eröffnungsfeier, setzt sich der Bundespräsident zwischen allmächtige Herrscher, wie positioniert sich der Bundestag? Zu Aserbaidschan etwa soll es am Freitag eine kritische Resolution geben, aber das wird natürlich auch wenig ändern.

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Im energiereichen Aserbaidschan sprudeln Öl und Selbstbewusstsein gleichermaßen. Das Land weiß, dass es Schlüsselstaat ist für ein Europa, das sich von russischer Energie unabhängiger machen will und Aserbaidschan umso dringender braucht. Viel tun kann der Westen also nicht, wenn er trotz aller Verflechtungen die Autonomie des Sports respektiert. Er muss Demokratiedefizite klar benennen - und hoffen, dass Fifa, IOC und Co. die Gigantomanie zurückfahren und auch Zauber wie in Lillehammer wieder zulassen.