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Europas Top-Kreditwürdigkeit in Gefahr:Das A, an dem alles hängt

Fünfzehn starke Euro-Staaten und mit ihnen der Rettungsfonds EFSF könnten ihre guten Ratings verlieren. Kanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Sarkozy haben schulterzuckend zur Kenntnis genommen, was sie ohnehin wussten. In gewisser Weise spielt die jüngste Drohung von Standard & Poor's Merkozy und dem Euro-Klub sogar in die Hände. Trotzdem darf der anstehende EU-Gipfel nicht scheitern - doch dessen Ergebnisse sind so unvorhersehbar wie selten zuvor.

Wenn Rating-Agenturen Politik machen, sieht das so aus: Die Bonitätsprüfer setzen direkt vor einem EU-Gipfel, der als entscheidend für die Zukunft der Gemeinschaft gilt, kurzerhand alle Euro-Staaten auf eine rote Liste - außer Griechenland und Zypern, deren Kreditwürdigkeit schon im Keller ist. Dazu gibt es eine klare Liste von Aufgaben, die von den europäischen Politikern auf dem anstehenden Gipfel nun - bitteschön - abzuarbeiten ist.

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Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy nach ihrem Treffen in Paris am Montag.

(Foto: AFP)

Und für den Fall, dass das nicht passiert, drohen die angeblich unabhängigen Prüfer, die Kreditwürdigkeit herabzustufen, was dann dazu führt, dass die Regierungen immer mehr Geld brauchen, um ihre Schulden zu refinanzieren. Und irgendwann pleite sind. So weit, so bekannt.

Eigentlich müssten die Politiker jetzt schimpfen, schreien, poltern, von Erpressung reden, strengere Regeln fordern - ganz so, wie sie es bisher immer getan haben, wenn es schlechte Noten gab. Doch dieses Mal gibt es auch andere Reaktionen. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel und Staatspräsident Nicolas Sarkozy am Montag im Élysée zu Mittag speisten, wussten sie schon, was die amerikanische Ratingagentur Standard & Poor's plante: nämlich den Euro-Klub komplett auf die rote Liste zu setzen.

Sie wussten auch, warum. Der ständige Streit darum, ob nun der Euro-Rettungsfonds oder gemeinsame Euro-Bonds oder die Europäische Zentralbank den Euro-Klub stabilisieren sollen, lässt jedes Vertrauen bröckeln. Hinzu kommen hohe Schulden, der drohende wirtschaftliche Niedergang und der ständige Ärger mit den Banken. Kurz, die Bonitätsprüfer sprechen genau die Probleme an, die auch die europäischen Staats-und Regierungschefs selbst seit zwei Jahren umtreiben.

Demonstrativ verkündete Entschlossenheit

So ist es nicht verwunderlich, dass Merkel und Sarkozy schulterzuckend "zur Kenntnis" nahmen, was sie ohnehin wussten. Und dass es in Brüssel ruhig blieb; neue Vorschläge, mit denen die Macht der Agenturen gebrochen werden sollen, sind längst gemacht. Ansonsten sind alle damit beschäftigt, einen EU-Gipfel vorzubereiten, dessen Ergebnisse so unvorhersagbar sind wie selten zuvor. Sicher ist nur, dass an diesem Mittwochnachmittag die Sherpas tagen werden, um die Stimmungen in allen Regierungen auszuloten.

Sicher ist auch, dass der Gipfel selbst am Donnerstag mit einem Abendessen aller 27 Staats- und Regierungschefs in Brüssel beginnt und bis Freitag terminiert ist. Doch angesichts der von Merkel und Sarkozy in Paris demonstrativ verkündeten Entschlossenheit, so lange zu tagen, bis feststehe, welche Regierungen sie auf dem Weg in eine Fiskalunion begleiten wollen, ist es leicht möglich, dass der Gipfel eben doch länger dauert - und dass am Ende nur noch Euro-Länder am Tisch sitzen, entweder alle 17 oder auch nur einige.