bedeckt München 30°

Flüchtlinge aus Nordafrika:"Reisefreiheit ist ein Grundrecht"

Europa hat den Kampf in den arabischen Ländern für Freiheit und Menschenrechte begrüßt. Doch zur Solidarität sind die EU-Länder nun nicht bereit. "Reisefreiheit ist auch ein Aspekt der zur Demokratie gehört", sagt der italienische Rechtswissenschaftler Fulvio Vassallo Paleologo von der Universität in Palermo. Er drängt darauf, legale Einreisemöglichkeiten in die EU zu schaffen und fordert: "Wir sollten den Menschen durch Visa die Möglichkeit geben, Arbeit zu suchen und ihren Status zu legalisieren." Derzeit könne man eigentlich nur als Asylsuchender oder illegal in die EU einreisen. "Das ist schizophren", sagt Mabrouk, "denn es gibt einen Bedarf an Arbeitskräften. Europa muss endlich von dem Gedanken der Abschottung abrücken."

Seit Jahren baut die EU eine immer breitere Pufferzone um sich herum auf. Das Konzept der europäischen Grenzschutzagentur Frontex sieht vor, nicht nur die Außengrenzen zu kontrollieren, sondern das Überwachungsgebiet auszuweiten und Flüchtlinge aufzuhalten, noch bevor sie die Grenze oder das Mittelmeer erreichen. Die EU-Staaten üben dazu Druck auf ihre Nachbarländer aus und locken vor allem mit wirtschaftlicher Unterstützung. Ob dabei gegen Menschenrechte verstoßen wird, scheint Europa nicht zu interessieren. Bilder von sinkenden Booten an italienischen Küsten empören die Öffentlichkeit. Weitgehend unbeachtet dagegen bleibt, dass Flüchtlinge in libyschen Lagern, an der ukrainisch-ungarischen Grenze oder in türkischen Gefängnissen ohne jede rechtliche Grundlage eingesperrt und misshandelt werden.

"Man säubert sein Haus bis zur Haustür und kümmert sich nicht darum, was draußen geschieht", sagt der türkische Rechtsanwalt Orcun Ulusoy, der von der katastrophalen Lage der Flüchtlinge in seinem Land berichtet. Er warnt davor, Flüchtlinge aus Griechenland in die Türkei abzuschieben. Dort würden sie keinen Schutz erhalten, das Asylsystem funktioniere nicht. Die Abschottung Europas fördert den Menschenhandel und die Rechtlosigkeit der Flüchtlinge. Darin sind sich Wissenschaftler und Rechtsanwälte aus der Türkei, Griechenland, Italien, Tunesien und Deutschland einig.

"Je härter Europa sich abschottet, desto gefährlicher wird es für Flüchtlinge auf ihrem Weg", sagt der Regisseur Dagmawi Yimer, der selbst vor fünf Jahren aus Äthiopien geflohen ist. Er fuhr zweitausend Kilometer durch die Wüste, wurde in Gefängnisse gesperrt, verprügelt und ausgeraubt.

Er wurde von libyschen Soldaten an sudanesische Polizisten verkauft, in Container gepfercht, er musste sich freikaufen, reiste weiter und wurde erneut eingesperrt. Nach Monaten erreichte er die libysche Küste, überquerte in einem kleinen Boot das Mittelmeer und landete in einem italienischen Flüchtlingslager. Der heute 33-Jährige erhielt politisches Asyl, wurde Regisseur und drehte einen Dokumentarfilm über seine Erfahrungen. In Like a Man on Earth erzählen er und andere junge Afrikaner von ihren monate- oder jahrelangen Fluchten nach Europa. Es sind traumatische Erlebnisse von Rechtlosigkeit, brutaler Gewalt und behördlicher Willkür. Yimers Film ist ein eindringliches Zeugnis davon, dass die EU versucht, ihre Aufgaben beim Schutz von Flüchtlingen einfach auszulagern.

Die Menschen in den italienischen Flüchtlingscamps haben ihr Leben riskiert. Sie suchen Arbeit und eine Zukunftsperspektive. Migration ist ein dynamischer Prozess. Weltweit wollen junge Menschen heute ins Ausland reisen, sich weiterbilden, dort arbeiten. Sie bleiben, ziehen weiter oder gehen zurück, schaffen neue Strukturen - und bleiben dabei ihrer alten Heimat ebenso verbunden wie der neuen. Davon profitieren am Ende alle - nicht nur die Demokratiebewegungen in Nordafrika, sondern auch die alternde Wohlstandsgesellschaft in Europa. "Reisefreiheit", sagt Regisseur Yimer, "ist ein Grundrecht, dass nicht nur einigen wenigen Menschen vorbehalten sein sollte."

© sueddeutsche.de/woja
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB