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Europäische Union:Wie eine Verordnung in die Welt kam, die niemals existiert hat

Was im Spiegel steht, stimmt. Glaubt man zumindest, schließlich ist das Hamburger Nachrichtenmagazin dafür bekannt, jede Aussage von einer eigenen Dokumentationsabteilung akribisch genau, Wort für Wort, gegenlesen zu lassen. Für alle Behauptungen müssen die Autoren Belege bringen, so ziemlich alles muss verifizierbar sein - das sind die Qualitätsansprüche des Spiegels. Vielleicht nahm es deshalb auch jeder als Realität hin, als in der Ausgabe vom 15. Juli 1974 folgendes Zitat im Heft zu lesen war:

"Das Vaterunser hat 56 Wörter, die Zehn Gebote haben 297 und die amerikanische Unabhängigkeitserklärung 300. Aber eine Verordnung der EWG-Kommission über den Import von Karamellen und Karamelprodukten zieht sich über 26 911 Wörter hin."

Zugeschrieben wird das Zitat Alwin Münchmeyer, dem damaligen Präsidenten des Bundesverbands deutscher Banken - der im Übrigen mit exakt derselben Aussage schon mehr als ein Jahr zuvor in der Zeit zitiert wurde. Wie auch immer - die Worte waren auf dem Markt. Und zunächst wunderte sich auch niemand. Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft EWG (Vorgängerin der EG) war offenbar schon damals als bürokratisches Monster angesehen, das Dinge regelt, die eigentlich gar nicht geregelt werden müssen. Bis heute hat sich die EG zur EU weiterentwickelt, doch das Klischee blieb. Und die Sache mit der Karamellverordnung auch.

Es gab nur ein Problem: Diese Verordnung für Karamellbonbons hat es nie gegeben.

Aber das störte nicht weiter. Das angebliche Bürokratenmonster geisterte auch in den kommenden Jahrzehnten in regelmäßigen Abständen durch die bundesdeutsche Presselandschaft. Medien schrieben voneinander ab. Politiker nahmen die Vorlage dankbar auf. Wer gegen Europa stänkern wollte, kam ohne die in aller Ausführlichkeit niedergeschriebene Karamellbonbonverordnung nicht mehr aus. Ein paar Beispiele:

"Die Zehn Gebote Gottes enthalten 279 Wörter, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung 300 Wörter. Die Verordnung der Europäischen Gemeinschaft über den Import von Karamelbonbons umfaßt exakt 25 911 Wörter" (Franz Josef Strauß, Bayerischer Ministerpräsident, Spiegel vom 19.5.1986)

"Die fundamentalen 10 Gebote waren mit 291 Worten verkündet, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung kam mit 500 Worten aus, die deutsche Verordnung zur Einführung von Karamelbonbons muß mit 25 000 Worten erklärt werden." (Mietwagen-Unternehmer Erich Sixt, Focus vom 5.2.1996)

Wirtschaftsleute zitierten Politiker, Medien zitierten Politiker, Kabarettisten zitierten Medien und Politiker. Die Geister, die Münchmeyer einst rief, wurde die Republik nicht mehr los. Auch in der Süddeutschen Zeitung tauchte die Karamellverordnung mehrfach wieder auf, zuletzt Ende 2012:

"Die Zehn Gebote Gottes enthalten 279 Wörter, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung enthält 300, die EU-Verordnung über den Import von Karamellbonbons exakt 25 911. Das zeigt: Was wirklich wichtig ist, lässt sich prägnant zusammenfassen." ( SZ vom 14.12.2012).

Und selbst in die Fachliteratur schaffte es die Regelung, die es nie gab, so tauchte sie beispielsweise im Vorwort des Buches "Der Wirtschaftscountdown" des Unternehmers und Autors Andreas Popp auf - als Beispiel dafür "dass unsere Welt von der verantwortlichen Macht wahrlich nicht mehr sinnvoll im Interesse der Menschen gestaltet wird".

Mit den Zahlen nehmen es die Zitierenden auch nicht so genau. Mal bestehen die Zehn Gebote aus 279 Wörtern, mal aus 291, die ominöse Karamellverordnung enthält je nach Wortmeldung "exakt 25 911 Wörter" oder "25 000 Worte", während es im Originalzitat eigentlich 26 911 sind. Die Ente lässt sich nicht aus der Welt kriegen. Nicht durch Pressemeldungen der Europaabgeordneten Angelika Niebler. Nicht durch Basisarbeit der Europa-Befürworter. Und wahrscheinlich wird sie auch in Zukunft immer wieder dann auftauchen, wenn der von Brüssel geregelte Krümmungsgrad der Gurke den Autoren und Politikern, den Journalisten und Wirtschaftsvertretern als Beispiel zu profan erscheint.

Übrigens: Die Zehn Gebote bestehen aus insgesamt 292 Wörtern ( Luther-Übersetzung, 1984, 2. Mose Kapitel 20 Vers 1-17).

Linktipp:

Das Bildblog hat im Dezember 2012 eine Sammlung der schönsten Karamellverordnungszitate veröffentlicht.

Tobias Dorfer

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