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Frankreich:Gelb vor Zorn

Frankreichs Wutbürger: Gelbwesten-Protest am Arc de Triomphe im vergangenen Frühjahr.

(Foto: Alain Jocard/AFP)

Die Proteste der Gilets jaunes offenbaren die tiefen Risse, die durch das Land gehen: zwischen Metropolen und Banlieues, zwischen Stadt und Provinz.

Über wenig wurde in Frankreich im vergangenen Winter so viel diskutiert wie über die soziale Ungleichheit im Land. Auslöser waren die Proteste der sogenannten Gelbwesten. Auch wenn ihr Zorn sich zunächst an einer Ökosteuer auf Benzin festmachte, ging es bei der Bewegung weniger um Widerstand gegen Umweltpolitik, sondern darum, dass viele in Frankreich das Gefühl haben, sich jedes Jahr weniger leisten zu können - obwohl sie arbeiten. Die Bewegung der Gilets jaunes zeigt einige der Risse, die durch das Land gehen. Zwischen Stadt- und Landbevölkerung. Zwischen denen, die mit Hochgeschwindigkeitszügen von Paris nach Bordeaux oder Marseille rasen, und denen, in deren Kleinstadt nicht mal mehr ein Bus fährt. Zwischen all denen, die sich auf Niedriglohnbasis von Monatsende zu Monatsende hangeln, und denen, die davon profitieren, dass Frankreichs Präsident Emmanuel Macron die Vermögensteuer abgeschafft hat.

In Deutschland wurden die Gilets jaunes oft als Protest der Provinz wahrgenommen. Doch tatsächlich waren sie gerade rund um Paris besonders aktiv. In der Hauptstadt und in ihren Vorstädten, wo sich zwölf Millionen Franzosen drängen, kristallisieren sich die Gegensätze des Landes. Im Juni veröffentlichte das Institut für Raumplanung und Urbanismus eine viel zitierte Studie, die zeigt, dass der Abstand zwischen Reichen und Armen in Frankreich nirgends so groß ist wie in der Region Paris. Hier findet man den größten Luxus und das größte Elend.

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Ein Zustand, der sich in den vergangenen Jahren verschärft hat. Der Anteil der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lag 2004 bei 12,3 Prozent, heute sind es knapp 16 Prozent. Die Studie spricht von "sozialer Polarisierung". Die Pariser Innenstadt und die westlichen Vororte werden immer reicher. Im Nordosten der Stadt hingegen, in Seine-Saint-Denis, sinkt die Kaufkraft immer weiter ab.

Eine Fahrt mit der Metrolinie 9 veranschaulicht das Armutsproblem

Während die Gilets jaunes vor allem eine Bewegung weißer Franzosen sind, kann man im Großraum Paris sehen, dass Armut in Frankreich oft auch eine Frage der Herkunft ist. Fährt man zum Beispiel mit der Metro-Linie 9 vom großbürgerlichen 16. Arrondissement in die Arbeiterstadt Montreuil, verändert sich die Zusammensetzung der Fahrgäste auf halber Strecke. Je näher man Montreuil kommt, desto mehr Einwanderer aus Mali sitzen in der Metro. Sie arbeiten in den Restaurantküchen oder bei der Stadtreinigung. Ihr Lohn reicht noch nicht einmal im vergleichsweise günstigen Montreuil für eine eigene Wohnung.

In Frankreich lässt sich beobachten, wie sich Armut auf politische Teilhabe auswirkt. Je weniger die Menschen auf dem Konto haben, desto weniger haben sie das Gefühl, dass ihre Stimme zählen könnte. Soziologisch betrachtet, ging bei den Gelbwesten die untere Mittelschicht auf die Straße, diejenigen, die noch Arbeit haben. In den ärmsten Vororten von Paris erreicht die Jugendarbeitslosigkeit bis zu 30 Prozent. Bei der Präsidentschaftswahl 2017 lag die Wahlbeteiligung in Seine-Saint-Denis, bekannt für seine prekären Lebensbedingungen, bei 67 Prozent, knapp zehn Prozent unter dem nationalen Durchschnitt.

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